Mar 262015
 

(türk. Mutlak Hakikat İddiası)

Das Gebot »Es gibt keine Gottheit außer Gott« bildet den Kern des islamischen Glaubens und drückt den im Islam an vorderster Stelle stehenden Absolutheitsanspruch aus. Da es sich dabei um die grundlegendste Wahrheit handelt, darf dieses Gebot im Islam in keinerlei Weise revidiert werden, es besitzt einen absoluten epistemischen sowie normativen Status und bedingt daher notwendigerweise direkt oder indirekt alle anderen Wahrheiten und Wertansprüche. Das heißt mit anderen Worten, dass es sich dabei aus Sicht des Islams um ein grundlegendes Gebot handelt, das Maßstab ist für Richtig und Falsch und dafür, ob etwas islamisch oder nichtislamisch ist. Daher ist im Islam die Richtigkeit jeglicher Aussage davon abhängig, ob sie mit dem Gebot »Es gibt keine Gottheit außer Gott« in Einklang steht oder zumindest diesem nicht widerspricht. Die simple Erkenntnis, dass Wahrheit der Wahrheit bedarf oder keine einzelne Wahrheit im Widerspruch zur absoluten Wahrheit stehen darf, hat im Islam zur Folge, dass jede Wahrheit durch die absolute Wahrheit bedingt ist, und daher jede Wahrheit diese grundlegende Wahrheit in gewisser Weise bestätigt. Von ihrem Wesen her stellen die Offenbarung als Manifestation von Gottes absolutem Wissen sowie die Richtigkeit des mittels des von Gott gegebenen menschlichen Verstandes erlangbaren Wissens ein direktes oder indirektes Zeugnis dieser absoluten Wahrheit dar. Der Absolutheitsanspruch im Islam beinhaltet, wie gezeigt wurde, den Anspruch, dass außer Gott keinem anderen Wesen in dem Maße wie Gott selbst die Eigenschaft einer Gottheit zugeschrieben werden darf. Insoweit dieser Absolutheitsanspruch des Islams, der Einsheit und Transzendenz Gottes betont wird und soweit es gilt, dass es nichts und niemanden gibt, der Gott ebenbürtig oder mit ihm zu vergleichen wäre, kann gesagt werden, dass er auf ontologischer Ebene das Gesetz der Identität erfordert (alles ist mit sich selbst identisch), was wiederum die Voraussetzung für einige weitere grundlegende ontologische Axiome bildet. Beispielsweise besteht zwischen Gott und den anderen Wesen ein unüberwindbarer Unterschied: Gott ist Gott, und alles andere ist nicht Gott. Dies bedeutet, dass alles außer Gott, dem einzigen Schöpfer, aus dem Nichts geschaffen wurde, die Geschöpfe von seinem schöpferischen Akt abhängig sind und, solange sie existieren, seiner ständig bedürfen. Im Gegensatz dazu ist Gott, der auch in persona existiert und absolute Eigenschaften besitzt, als einziges Wesen bezüglich seiner Existenz von nichts abhängig und bedarf nichts und niemandes. Es kann gesagt werden, dass diese ontologische Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf auf mehreren (z.B. semantischen, epistemischen und ethischen) Ebenen eine Parallele zu der realistischen Vorstellung einiger grundlegend erforderlichen Unterscheidungen (Gegensätze) bildet. Genau wie das Urteil, welches den grundlegenden Unterschied zwischen Gott und den anderen Wesen ausdrückt, einen absoluten Wahrheitsstatus besitzt, so kann im Islam auch von einem nicht aufhebbaren Unterschied zwischen Richtig und Falsch, Wissen und Unwissenheit, Gut und Böse, Glaube und Unglaube gesprochen werden. Philosophisch betrachtet vertritt der Islam eine realistische Auffassung vom Sinn und der Richtigkeit der Aussagen. Damit legt er die eigene Vorstellung von Gott als die absolute und unverzichtbare Wahrheit zugrunde und betrachtet andere Religionen von diesem Standpunkt aus. Der Islam lehnt, um es anders zu sagen, relative oder pluralistische Wahrheitsauffassungen ab und betrachtet innerhalb der Offenbarungsreligionen die eigene Auffassung von Gott als die grundlegende Wahrheit.

Mehmet Sait Reçber

 Citation link: Absolutheitsanspruch (isl.)  26. March 2015  islamisch