Mar 262015
 

(türk. Mutlakiyet Hakkı)

Der Absolutheitsanspruch besteht in der Überzeugung, dass das Christentum der unüberbietbare Höhepunkt und die Vollendung der Religionsgeschichte ist. Alle anderen Religionen sind entweder überwundene Vorstufen oder Neubildungen durch Abfall vom Christentum. Das Christentum hat jedenfalls von den Religionen nichts zu lernen, hat sein Wesen losgelöst von ihnen und ist in diesem Sinne absolut.

Diese Theorie wurde ausgebildet in der sogenannten Liberalen (protestantischen) Theologie in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s. Ihre Vertreter glaubten, diese Theorie auch und gerade historisch, also im religionsgeschichtlichen Vergleich, beweisen zu können. Die katholische Kirche und Theologie hat sich an dieser Diskussion nicht beteiligt. Sie war ohne Selbstzweifel aus dogmatischen Gründen überzeugt, dass nicht nur die christliche Religion überhaupt, sondern die römisch-katholische Kirche die allein wahre Kirche Jesu Christi und als solche der Höhepunkt und der Abschluss der Religionsgeschichte sei. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s und dann besonders im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) kommt das Thema des Absolutheitsanspruchs wieder auf die Tagesordnung, jetzt aber, im Zeichen des interreligiösen Dialogs, als abschreckendes Beispiel. Während die evangelische Theologie gelegentlich von der Versuchung befallen wird, alle Religionen prinzipiell als gleichberechtigte Wege zum Heil gelten zu lassen (pluralistische Religionstheologie), sucht die katholische Theologie im Anschluss an die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nach der Möglichkeit, Wahrheit Gottes in den Religionen anzuerkennen, in ihrem Licht den eigenen Glauben besser zu verstehen und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt wahrzunehmen.

Realistisch ist festzuhalten: Jeder Glaubende, der fest von seiner Religion überzeugt ist, tut dies mit einem subjektiven Absolutheitsanspruch, das heißt: Er/Sie hält die eigene Religion für die unüberbietbare Wahrheit und ist nicht bereit, diesen Anspruch in einem interreligiösen Dialog auch nur vorläufig aufzugeben. Beim Stichwort Absolutheitsanspruch kann es also nur um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines objektiven Anspruchs gehen. Darüber kann trotz aller subjektiven Glaubensfestigkeit mit Argumenten gestritten werden – zum Beispiel, wer das plausiblere Bild von Gott oder die menschlich mehr einleuchtende Antwort auf Ursprung und Überwindung des Leidens hat. Da aber der Glaube immer eine unerzwingbare freie Tat des vertrauenden Herzens und des zustimmenden Verstandes ist, ist ein objektiver Absolutheitsanspruch, der auch jenseits der Glaubenszustimmung argumentativ bewiesen werden könnte, seiner Natur nach unmöglich. Möglich ist nach weithin übereinstimmender Auffassung heutiger Theologie in allen Kirchen immer nur das durchdachte, geprüfte, auch durch Anfechtung und Zweifel gehärtete Urteil: »Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe« (2 Tim 1,12).

Otto Hermann Pesch

 Citation link: Absolutheitsanspruch (chr.)  26. March 2015  christlich