Aufklärung (isl.)

 
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(arab. Tanwir, türk. Aydınlanma)

Die Beziehung zwischen dem Islam und der Aufklärung, die sich mit ihren philosophischen, religiösen, sozialen, politischen und sogar ideologischen Dimensionen im 18. Jh. im westlichen Denken entwickelt hat, kann aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht werden. Die Aufklärung steht wegen ihrer fundamentalen Parteinahme für Freiheit und Verantwortung des Individuums – in Opposition zu jeglicher nicht auf Vernunft und Wissen beruhenden Autorität – sowie wegen ihrer an den Einzelnen gerichteten Aufforderung zu Mut und verantwortlichem Handeln für eine radikale intellektuelle Wandlung und Wende und ist so zu einer höchst bedeutsamen Quelle des modernen Denkens geworden. Aus religiöser Sicht gibt es im aufklärerischen Denken unterschiedliche Ausrichtungen, die vom Deismus bis zum Skeptizismus, ja Atheismus reichen.

Bisher war das – noch entwicklungsfähige – Verhältnis zwischen Aufklärung und Islam bzw. islamischem Denken vor allem unter historischem Blickwinkel Gegenstand der Forschung, etwa im Hinblick auf den Beitrag einiger Denker, z.B. Ibn Ruschd (Averroes; gest. 1198). Zweifellos hat das Gedankengut der Aufklärung die islamische Welt direkt und indirekt beeinflusst. Aus unterschiedlichen Gründen gab es jedoch im Islam parallel zur Aufklärung keine entsprechende Entwicklung. Dessen ungeachtet lassen sich auf theoretischer Ebene zwischen den von der Philosophie der Aufklärung und den im Islam vertretenen erkenntnisbezogenen und ethischen Positionen teilweise Ähnlichkeiten und Kongruenzen feststellen. Die Tatsache, dass der Koran dem Menschen Erkenntnisfähigkeit und Moralität zuschreibt, ihn zum eigenständigen Nachdenken und zur Erkenntnis aufruft und ihn zugleich in die Verantwortung für sein Handeln nimmt, kommt der Grundposition der Aufklärung bemerkenswert nahe. Verkehrt wäre allerdings, von einem derart allgemeinen Gesichtspunkt aus zu schlussfolgern, islamisches und aufklärerisches Denken seien deckungsgleich und stünden in keinerlei Widerspruch zueinander.

Bei der Bewertung des Verhältnisses zwischen Islam und Aufklärung ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, welche Ausprägung von Aufklärung gemeint ist. Ganz klar lehnt der Islam die skeptizistischen, materialistischen und atheistischen Richtungen innerhalb der Aufklärung ab. Stattdessen fordert er vom Einzelnen, indem er ihm in einigen grundlegenden Fragen, wie jener nach der Existenz Gottes, eine moralische Verantwortung auferlegt, seine Vernunft zu gebrauchen, um zur Erkenntnis zu gelangen und auf diese Weise zum Ansprechpartner von Offenbarung zu werden. Genauso lässt sich das Verhältnis von Islam und Deismus, einer deutlich religiös geprägten Richtung der Aufklärung, bestimmen. Beide heben die Bedeutung der Vernunft hervor. Die Ablehnung jeglicher Offenbarung im Deismus kann der Islam jedoch nicht teilen. Da aus theologischer Sicht Vernunft und Offenbarung gleichermaßen im Zentrum der islamischen Botschaft stehen, lehnt der Islam Auffassungen innerhalb der Aufklärung ab, die Offenbarung ausschließen.

Der Koran lehnt Glaubensauffassungen ab, die nicht mit der Vernunft vereinbar oder der Vernunft nicht zugänglich sind, und unterstreicht zugleich die Vernunftbegründetheit der von ihm verkündeten Glaubensgrundsätze. Ein Vernunftund Wissensverständnis, das Offenbarung ausschließt, stellt aus koranischer Sicht eine grundlose Einengung und einen Reduktionismus dar. Mit anderen Worten entbehrt ein Denkansatz, der Offenbarung ausschließt und den sowohl moralisch fehlbaren als auch in seiner Erkenntnisfähigkeit begrenzten Menschen zum Maßstab nimmt, jeglicher Grundlage. Aus islamischer Sicht gelten bei der Bestimmung dessen, was letztlich verstandesmäßig erkennbar oder dem Wissen zugänglich ist, die vom Menschen aufgestellten Kriterien nicht als endgültig. Zwar ist der Mensch mit der Fähigkeit und dem Potenzial zur Erkenntnis ausgestattet. Da er jedoch erschaffen ist, liegt die letztendliche Referenz nicht bei ihm, sondern bei Gott, dem Schöpfer. Insofern ist der Mensch auf Führung durch die Offenbarung angewiesen. Zusammenfassend ist hervorzuheben, dass zwischen Islam und Aufklärung zwar Übereinstimmung in Bezug auf einzelne Werte besteht, etwa in dem Punkt, dass der Einzelne eine erkenntnisbezogene und moralische Verantwortung trägt. Hingegen lehnt der Islam grundsätzlich aufklärerische Ansätze ab, die Offenbarung ausschließen. Denn aus islamischer Sicht ist die Führung durch die Offenbarung notwendig, um die genannten erkenntnisbezogenen und moralischen Ideale zu verwirklichen. Wenn also von islamischer Aufklärung oder von Aufklärung im Islam gesprochen wird, kann das ausschließlich eine aufgeklärte Haltung sein, die Offenbarung für notwendig ansieht.
Wenn der Islam empfiehlt, sich gegen ungerechtfertigte Haltungen und Autoritäten zur Wehr zu setzen, so sieht er bei der Verwirklichung eines derartigen Ideals die Offenbarung als einen göttlichen Segen an.

Mehmet Sait Reçber

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