Aufklärung (chr.)

 
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(türk. Aydınlanma)

Unter Aufklärung wird zunächst eine Strömung in der europäischen Geistesgeschichte des 17. und 18. Jh.s verstanden, in einem weiteren Sinne aber auch deren bleibender Grundgedanke, den es in Ansätzen auch schon in vorausgehenden Epochen und anderen Kulturkreisen gab (z.B. in der islamischen Welt). Die europäische Aufklärung entstand zunächst in England und Frankreich aus den dort schon in der Philosophie bestehenden empiristischen (John Locke [1632–1704], David Hume [1711–1776]) und rationalistischen (René Descartes [1596–1650]) Ansätzen. Immanuel Kant (1724–1804) definiert die Aufklärung als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«, der dem Menschen durch den »Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen« möglich ist (Preisschrift Was ist Aufklärung von 1784). Anspruch und Ziel der Aufklärung ist es also, alle (traditionell) bestehenden Anforderungen von theoretischen Wahrheiten, praktischen Normen, weltlicher Macht und religiöser Autorität von den Kriterien der menschlichen Rationalität her zu rechtfertigen, zu kritisieren und, wo als nötig erachtet, auch zu destruieren. Insofern die Aufklärung damit eine Befreiung des Menschen auf der Grundlage seiner natürlichen Vernunftausstattung intendiert, hat sie durchaus ein mit dem christlichen Menschenbild gemeinsames Anliegen. Auch nach christlicher Auffassung besteht die Gottebenbildlichkeit des Menschen in seiner Vernunft und seinem freien Willen, die durch die Sünde zwar geschwächt, aber nicht völlig zerstört sind. Anfangs gab es von christlicher Seite her starke Widerstände gegen die Aufklärung. Der Widerstand des Christentums gegen die Aufklärung war und ist daher vielfach auch gegen christliche Grundprinzipien gerichtet, die häufig auch von der Absicht des kirchlichen Machtund Autoritätserhaltes her motiviert waren. Von der positiven Wertung der menschlichen Vernunft her ist die Aufklärung eher im Einklang mit dem Christentum. Die christliche Theologie hat spät, aber nachhaltig von einer positiven Auseinandersetzung mit den zunächst erbittert bekämpften Errungenschaften der Aufklärung profitiert. Freilich kann und soll andererseits auch der oft zu einseitig auf rationales Begreifen eingeengte Vernunftbegriff der klassischen Aufklärung vom Christentum her kritisch bereichert werden. Im Unterschied zur Position der Aufklärung ist nach christlicher Auffassung die menschliche Vernunft durchaus offen für die emotionalen Grunderfahrungen des Lebens und (an-) erkennt in der Unbegreiflichkeit Gottes die Grenze ihrer Fähigkeiten. In Abgrenzung zur deistischen Position mancher Denker der Aufklärung erlangt der Mensch nach christlichem Glauben die Freiheit seiner Vernunft nicht, wenn Gott den Menschen sich selbst überlässt und sich nicht mehr um ihn kümmert, sondern nur in der stetigen dialogisch-personalen Beziehung zu Gott.

Martin Thurner

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