Blasphemie (isl.)

 
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(arab. al-Tahqir al-Din wa-l-Muqaddas, Kufr, türk. Kutsala Hakaret)

Blasphemie bedeutet Schmähung einer Religion oder religiöser Werte. Sowohl im Koran als auch in den Hadithen werden Situationen geschildert, in denen Blasphemie und Gotteslästerung betrieben wurden (vgl. 4 / 46; 6 / 108). In den Schriften islamischer Theologen und Rechtgelehrter wird Schmähung der Religion oder religiöser Werte in drei Bedeutungen verwendet: Schmähung der Zeit, im Sinne der Verfluchung des Schicksals, das Gott dem Menschen zuerteilt; Beleidigung des Gesandten Gottes; Erniedrigung der Gefährten des Propheten. Im Koran wird darüber hinaus von den Gläubigen verlangt, keine Götzen zu schmähen, mit dem Hinweis, dies könnte sonst dazu führen, dass die Götzendiener ihrerseits Gott beleidigen (6 / 108).

Die Beschimpfung oder Schmähung einer Religion oder des Heiligen impliziert den Gebrauch von Wörtern oder Handlungen in der Absicht, eine Religion oder religiöse Werte herabzusetzen. Den Koran, die heiligen Schriften der Juden und Christen oder eine andere von Gott herabgesandte Schrift zu schmähen, die Propheten zu beleidigen oder nicht ernst zu nehmen gilt als Zeichen des Unglaubens. Eine Erniedrigung, die nicht mit der Absicht einer Beleidigung verbunden ist, sondern bei einer philosophischen oder literarischen Aussage, bei Vergleichen, Sprichwörtern oder in der Dichtkunst erfolgt, wird nicht als Blasphemie eingestuft. Doch der Urheber wird zurechtgewiesen.

Analysiert man die Standpunkte der islamischen Rechtsschulen bezüglich der Blasphemie, so vertreten sie unterschiedliche Ansichten, je nachdem, ob ein Muslim oder ein Nichtmuslim sich schuldig macht. Einige Gelehrte bewerten Blasphemie seitens eines Muslims als Abfall vom islamischen Glauben. Andere wiederum erachten Blasphemie für ein noch größeres Vergehen als den Abfall vom Glauben. Dementsprechend urteilen sie, dass die Reue von jemandem, der vom Glauben abgefallen ist, von Gott angenommen werde, die eines Blasphemikers dagegen nicht. Einige Gelehrte meinen jedoch, dass sowohl dem einen als auch dem anderen vergeben werde, sofern sie Reue zeigen. Die Schmähung religiöser Werte seitens eines Nichtmuslims hingegen wird nur als Vergehen angesehen.

Für beide Fälle gibt es im Koran keine Bestimmungen. Nach Ansicht der hanafitischen Rechtsschule gehört Blasphemie folglich nicht zu den Vergehen, für welche die Strafen eindeutig festgelegt sind, sodass deren Bemessung dem Urteil des Richters überlassen bleibt. Für den Fall der Wiederholung oder der Weigerung, Reue zu zeigen, sahen die Hanafiten allerdings die Todesstrafe vor. Der hanafitische Rechtsgelehrte al-Bazzazi (gest. 1424) sagt beispielsweise, dass Gott die Reue eines Gotteslästerers annehmen werde, nicht jedoch die Reue einer Person, die den Propheten geschmäht habe. Dies lässt darauf schließen, dass al-Bazzazi Gotteslästerung als Sünde bewertet, eine Beleidigung des Propheten hingegen als weltliches Vergehen. Generell neigte die hanafitische Rechtsschule jedoch dazu, für jegliche Art von Vergehen und Sünden die Möglichkeit der Reue und Buße einzuräumen. Leider wurden viele Denker, die von der Norm abweichende religiöse Ansichten vertraten, aufgrund von al-Bazzazis Rechtsgutachten (fatwa) als Blasphemiker verurteilt und grausam bestraft.

Ausgehend von der Tatsache, dass im Koran für Blasphemie keine Strafe vorgesehen ist, meinte die schafiitische Rechtsschule, die in einem muslimischen Staat lebenden Nichtmuslime unterstünden den Bestimmungen, für die sie sich durch Unterzeichnung des diesbezüglichen Schutzbefohlenenvertrages entschieden hätten.

Heutzutage muss man das Thema Schmähung der Religion und religiöser Werte im Rahmen der Menschenrechte sehen. In der modernen Welt sollte der Einzelne prinzipiell den Glauben anderer Menschen achten. Menschen, deren Religion oder religiöse Werte geschmäht werden, sollten ihre Reaktion gegen die Einschränkung ihrer Menschenrechte in angemessener Form zum Ausdruck bringen dürfen, jedoch ohne dabei selbst in Schmähungen, Beleidigungen, Gewalt oder andere Formen aggressiven Verhaltens zu verfallen.

Şaban Ali Düzgün

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