Christentum (chr.)

 
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(türk. Hıristiyanlık)

Christentum ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl von Richtungen (Kirchen, Sekten, Denominationen), die sich alle trotz ihrer unterschiedlichen Lehren und Organisationsstrukturen auf Jesus Christus als Bezugspunkt und Religionsstifter berufen. Alle zusammen haben heute etwa zwei Milliarden Gläubige.

Genau genommen beginnt die Geschichte des Christentums erst nach dem Tode Jesu im Jahre 30 oder 33 nC., als jüdische Jesusanhänger verkünden, dass der unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus (reg. 26  36) auf Betreiben jüdischer Kreise in Jerusalem zum Tode verurteilte und am Kreuz (Galgen) gestorbene Jesus von Nazaret von Gott zu neuem Leben erweckt wurde und lebt sowie dass er der vom Judentum erwartete Messias war, der wiederkommen wird am Ende der Zeiten, um zu richten die Lebenden und die Toten. So fest glaubten die Anhänger Jesu daran, dass sie diese Botschaft im ganzen Römischen Reich verkündeten und, wenn nötig, dafür sogar den Märtyrertod starben.

Die Botschaft fand rasch unter den Juden im ganzen Römischen Reich Anhängerinnen und Anhänger. Bald kamen auch Nichtjuden, Heiden, hinzu und wollten in die Gemeinschaft der an Jesus als Messias Glaubenden aufgenommen werden. Über die Frage, ob diese vom Heidentum zu Jesus Christus (d. i. der Messias) Bekehrten beschnitten werden und die jüdischen Speisevorschriften einhalten mussten, kam es zum offenen Streit unter den engsten Vertrauten Jesu (den Aposteln). Bei einer Versammlung dieser Vertrauten, dem sog. Apostelkonzil (ca. 50 nC.), konnte Paulus erreichen, dass die Heidenchristen nicht beschnitten zu werden brauchten, auch galten für sie die jüdischen Speisevorschriften nicht. Damit war ein erster Schritt der Loslösung der Jesusbewegung vom Judentum getan. Weitere Schritte folgten nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 nC. Es kam zu einer Art Erbaufteilung der Religion des alten Israel in das Judentum und das Christentum: Das Judentum entwickelte sich zu einer reinen Laienreligion ohne Tempelkult und Priesterschaft, wurde ethnisch semitisch mit der hebr. Bibel als Heiliger Schrift, verlegte sich weniger auf Philosophie als auf Orthopraxie und hörte auf zu missionieren; das Christentum setzte die kultische Tradition des alten Israel unter einer hierarchisch gegliederten Priesterschaft fort, verwendete Koine-Griechisch als Kultsprache, las die jüdische Bibel in der griechischen Übersetzung der Septuaginta, integrierte die griechische Philosophie einschließlich ihres jüdischen Vertreters Philo von Alexandrien (ca. 20 / 10 vC.–40 / 50 nC.), eines Zeitgenossen Jesu, und ist missionarisch tätig. Man verzichtet auf die weitere Teilnahme am Synagogengottesdienst und wird zu einer eigenständigen Weltreligion.

Auslegungen zum Leben und der Deutung Jesu und seiner Lehre führen zu einem festen Kanon wegweisender Schriften, die als Neues Testament zusammen mit der Septuaginta (d. h. dem Alten Testament) von nun an die christliche Bibel bilden. Die Vielzahl der Jesusdeutungen führt zu widersprüchlichen Aussagen. Eine Klärung wird notwendig. Kaiser Konstantin (reg. 306  337), der das Christentum als erlaubte Religion im Römischen Reich zulässt, beruft eine Versammlung aller Bischöfe ein, um eine Entscheidung herbeizuführen. Die einen (Athanasius [295  373] und seine Gefolgsleute) glauben, Jesus stehe auf einer Stufe mit Gott, die anderen (Arius [260  336] und seine Anhänger) sagen, er stehe zwar in der Schöpfung ganz oben, sei aber nicht vom selben Rang wie Gott. Die Richtung des Athanasius setzt sich durch und Arius wird als Irrlehrer verurteilt. Es kommt daher in der Folgezeit zu einer folgenschweren Spaltung innerhalb des Christentums: Auf der einen Seite steht die Mehrheit des Konzils von Nikaia/Nizäa (325 nC.), auf der anderen sind die Gegner in Anlehnung an Arius. Sie bilden in der Folgezeit die verschiedenen christlichen Kirchen des Orients (z. B. die armenische, die syrische, die chaldäische, die koptische), während die Kaiserlichen ihre Lehre weiterentwickeln zu einem trinitarischen Gottesverständnis (Vater, Sohn, Heiliger Geist), bei dem Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott (d. h. Sohn) bekannt wird. Bald kommt es aber unter den Kaiserlichen aus verschiedenen politischen, sozialen und religiösen Gründen zu großen Spannungen. Die Folge davon ist, dass das Mainstream-Christentum in Europa in einen orthodoxen Osten mit nationalen Kirchen unter der Führung von Patriarchen und einen lateinischen Westen unter der Führung des Bischofs von Rom, des Papstes, zerfällt. Der endgültige Bruch erfolgt 1054, etwa fünf Jahrhunderte nach der ersten großen Spaltung zwischen den Kaiserlichen und den orientalische Kirchen. Weitere fünf Jahrhunderte später kam es innerhalb der lateinischen Kirche zu internen Auseinandersetzungen, nicht zuletzt auch wegen des immer stärker werdenden Führungsanspruches des Papstes in Rom. Die Folge war erneut ein Bruch, aus dem ein stark germanisch geprägtes protestantisches Christentum einerseits und die römisch-katholische Kirche andererseits hervorgegangen sind. Viele deuten diese dritte große Spaltung als Anbruch der Moderne, weil im Protestantismus nun an die Stelle einer hierarchisch gegliederten Priesterschaft mit dem Papst an der Spitze eher protodemokratische Organisationsformen treten, die das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonen und Weihehierarchien generell ablehnen.

Der Anbruch der Moderne zeigt sich auch im Umgang mit der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel und der Christentumsgeschichte. Beides führt allerdings auch im Protestantismus zu internen Auseinandersetzungen, die im Konflikt zwischen Fundamentalisten und Liberalen ihren sichtbarsten Ausdruck finden. Allerdings ist auch die römisch-katholische Kirche von derartigen Entwicklungen nicht verschont geblieben. Beispiele hierfür sind der Modernismusstreit zu Beginn des 20. Jh.s, das Zweite Vatikanische Konzil (1962  1965) und der Umgang damit unter den Päpsten Paul VI. (1963  1978), Johannes Paul II. (1978  2005) und Benedikt XVI. (2005  2013).

Die Auseinandersetzung mit der Moderne bleibt keiner Religion erspart. Sie ist besonders hart innerhalb des Christentums, weil es vor allem in den Ländern tonangebend und beheimatet ist, die an der Spitze der Modernisierungswellen stehen. Dies gilt für den Umgang mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft (z. B. heliozentrisches versus geozentrisches Weltbild, Evolution im Bereich der Biologie), der Psychologie (z. B. Sigmund Freud [1856  1939]), der Ethik (z. B. Sexualität, Gentechnologie, Ökologie) und der Sozialordnung (z. B. Gleichberechtigung der Geschlechter, rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit heterosexuellen Ehen).

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich das Christentum in Zukunft entwickeln wird. Neben Zeichen des Untergangs gibt es auch solche eines Aufschwunges. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ganze Christentümer untergegangen sind, andere sind neu dazu gekommen. Gleiches gilt für kontroverse Positionen: Manches Festhalten am Alten hat Überleben garantiert bzw. es in anderen Fällen verhindert. Die Zukunft ist daher offen. Keine heutige Entscheidung wird folgenlos bleiben, doch weiß man meist erst im Nachhinein, was weiterführend gewesen ist und was nicht.

Peter Antes

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