Demokratie (isl.)

 
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(türk. Demokrasi)

Demokratie bezeichnet eine Regierungsform des modernen Staates, in der alle Gewalt vom Volk ausgeht. Grundprinzip einer Demokratie ist das direkte oder indirekte Mitspracherecht des Volkes bei der Bestimmung der führenden Organe des Staates sowie bei Entscheidungsprozessen. Dazu gehören aktives und passives Wahlrecht sowie die Partizipation an staatlichen Entscheidungsorganen durch Institutionen der Zivilgesellschaft.

Der Islam empfiehlt keine bestimmte Regierungsform. Auch wenn es im Islam eine lange Tradition der Staatsführung gibt, die auf den Koran und – in noch stärkerem Maße – auf die Praxis des Propheten rückverweist, so handelt es sich dabei dennoch nicht um eine einheitliche Tradition.

Die Schulen der Ibaditen und die Mutaziliten befürworten eine Regierungsform, die sich auf ein Wahlrecht stützt. Die Schiiten hingegen vertreten entsprechend ihrem Verständnis des Imamats die Ernennung des Staatsoberhauptes. Die Sunniten wiederum gehen von dem Prinzip der Unantastbarkeit des Staates aus; d. h., der Staat als solcher ist das Wichtigste, nicht aber, wer ihn regiert. Der Staat ist etwas Bleibendes, die Regierung nur vorübergehend. Dabei ist Gehorsam gegenüber der Regierung ein Grundprinzip.

Sieht man davon ab, dass Muhammad als Prophet zugleich den Status eines Staatsoberhauptes hatte, kann man die Tatsache der Wahl der ersten vier Kalifen (Regierungsperiode 632  661) als Zeichen der Offenheit des Islams für die Demokratie deuten. Zwar waren seit den Umayyaden Kalifat und Sultanat verbunden, und über Jahrhunderte wurden die Ämter vom Vater auf den Sohn vererbt, doch dies besagt nicht, dass Muslime an diese Staatsform gebunden sind. Aus theologischer Perspektive wird weniger über die Staatsform an sich als um deren Handhabung diskutiert. Dabei spielen vor allem Prinzipien wie Recht, Gerechtigkeit und Gleichheit eine wichtige Rolle. Gegenseitige Beratung ist ein Regierungsprinzip, das Muhammad im Koran angeraten wurde und das er dann seinerseits den Regierenden empfohlen hat (s. Tirmidhi; Tirmidhi). Aus der Sicht der grundlegenden Quellen des Islams spricht nichts gegen Ansätze, bei denen die Regierung eines Staates vom Volk gewählt wird und die Volksvertreter bei Entscheidungen ein Mitspracherecht besitzen, während das Volk durch zivilgesellschaftliche Organisationen auf bestimmte Entscheidungen Einfluss nimmt. Muhammad wertschätzte den Mehrheitswillen des Volkes, indem er erklärte, seine Gemeinschaft als Ganze werde sich nicht auf Abwege begeben (s. Ibn Madscha).

Cemal Tosun

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