Dschihad (isl.)

 
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(arab. Dschihad, türk. Cihad)

Dschihad bezeichnet eine außerordentliche, bis an die Grenze gehende Anstrengung des Menschen, Gottes Wohlgefallen zu erlangen und das Wohlergehen der Mitmenschen zu fördern. Die auf das eigene Innere gerichtete Anstrengung des Menschen wird als großer Dschihad bezeichnet. Wenn der Dschihad nach außen gerichtet ist – kriegerische Auseinandersetzungen mit eingeschlossen –, wird er als kleiner Dschihad bezeichnet.

Die Wortwurzel von Dschihad findet sich auch in dem von der islamischen Rechtswissenschaft verwendeten Begriff Idschtihad wieder. Letzteres bezeichnet ein intellektuelles Bemühen, Religion und Leben zu deuten und zu verstehen. Durch den Koranvers 25 / 52, in dem erstmals das Wort Dschihad vorkommt, wird Muhammad geoffenbart, er solle mithilfe der göttlichen Botschaft gegen den Unglauben ankämpfen.

Der Islam möchte vorrangig das Individuum formen; er zielt darauf ab, dass der Mensch in seiner Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu Gott ein konsequent-ethisches Leben führt. Aus dieser Perspektive soll der Mensch seine Grenzen erkunden und sich zugleich intensiv bemühen, seinen Schöpfer zu erkennen. Es obliegt dem Menschen, die höchste Wahrheit zu finden und die vielfältigen Wege zu erkunden, die ihn dorthin führen können. Im Koran wird geoffenbart, dass diese Anstrengungen der Muslime nicht vergeblich sein werden (29 / 69).

Es besteht eine enge Beziehung zwischen dem Begriff Dschihad und dem Sinn der Existenz des Menschen. Im Koran wird gesagt, dass die Menschen geschaffen wurden, damit sie Gott anbeten. Um beten zu können, muss das Wesen, das anzubeten ist, erkannt werden. Daher sollte es das erste Ziel eines jeden Menschen sein, Gott zu erkennen. Der Mensch muss alle erdenklichen Anstrengungen unternehmen, um die ihm von Gott gegebenen Möglichkeiten und Fähigkeiten, vor allem das Denkvermögen, angemessen zu nutzen. Der Mensch stößt auf der Reise zur Wahrheit und zur Tugend, die ihn Gott näherbringt, auf viele innere und äußere Hindernisse, mit denen er sich auseinandersetzen muss. Diese Tatsache wird auch durch die Aussage des Propheten nach einem Feldzug deutlich, der zufolge der kleine Dschihad beendet sei und man nun zu dem großen Dschihad, d. h. zur Beseitigung innerer Hindernisse, übergehen müsse (s. Adschluni).

Dschihad umfasst jede ethisch legitime Verteidigung gegen Drohungen und Angriffe, die gegen die Würde des Menschen, die Religion, die eigene Familie und das eigene Land gerichtet sind. Das bedeutet, dass Dschihad, wenn es sich um Selbstverteidigung handelt, in Ausnahmezuständen als gerechtfertigter Krieg legitim ist (22 / 39). Dschihad als eine Aufforderung zu bedingungslosem Krieg, sowohl gegen Nichtmuslime als auch gegen aus ihrer Sicht ungläubige Muslime, zu interpretieren ist ein Fehler. Die vom Wesen des Islams vorgesehene Lebensform zielt vielmehr auf Frieden und Wohlbefinden.

Engin Erdem

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