Ethik (isl.)

 
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(arab. Akhlaq, türk. Ahlak)

Ethik hat nach islamischem Verständnis einen umfassenderen Bedeutungsgehalt als Ethik im nichtislamischen Verständnis und steht in unmittelbarer Beziehung zu Religion, Charakter und Verhaltensweisen. Der Terminus findet in drei unterschiedlichen Formen Verwendung: a) allgemeine Lebensform (z. B. islamische Ethik), b) Summe von Verhaltensregeln (z. B. Berufsethik) und c) Reflektieren über Verhaltensregeln und Lebensweisen (z. B. Ethik als Sparte der Philosophie).

Nach islamischer Vorstellung herrscht eine enge Verbindung zwischen Ethik und dem menschlichen Charakter. Demnach ist dem Menschen eine Befähigung zu ethischem Verhalten wesensmäßig zueigen, er besitzt einen ethischen Wesenskern. Das zeigt sich u. a. bei Gewissensentscheidungen, denen immer Ethik zugrunde liegt. Zwischen der Aussage Muhammads: »Ich wurde gesandt, um die ethischen Tugenden zur Vollendung zu führen« (s. Baihaqi) und der Vorstellung von einer allen Menschen gemeinsamen Ethik besteht ein enger Zusammenhang. Die Annahme eines ethischen Wesenskerns steht im Gegensatz zu der Auffassung, dass der Mensch infolge der Evolution aus Materie hervorgegangen sei, und sie unterscheidet Ethik auch von Tradition, Gewohnheit und Sitte. Ethik deutet nämlich auf universell gültige Handlungsnormen hin, Traditionen verweisen dagegen auf relative. Auch die Beziehungen, die der Mensch mit allen Lebewesen und mit seinem Schöpfer eingeht, sind Gegenstand der Ethik.

Ethik, die im Allgemeinen als die Wissenschaft von den Willenshandlungen definiert wird, ist ein normativer Wissenschaftszweig, der Regeln liefert, nach denen Handlungen gebilligt oder missbilligt werden. Die Wissenschaft der Ethik gliedert sich in zwei Bereiche, einen theoretischen, der sich mit den allgemeinen Prinzipien befasst, und einen praktischen, der konkrete Handlungsanweisungen erarbeitet.

Das wichtigste Problem auf theoretischer Ebene ist die Frage nach der Quelle des Ethischen. Die Antworten auf diese Frage unterscheiden sich je nach dem Zusammenhang, der zwischen Wirklichkeit und Wert hergestellt wird. Nach den Theologieschulen der Mutaziliten und der Maturiditen ist die Wirklichkeit mit Werten verbunden; Gott hat diese mit Qualitätsmerkmalen wie Gut oder Böse erschaffen und zugleich durch Seine Gebote den Menschen das Gute befohlen und das Böse verboten. Der Mensch verfügt über die Möglichkeit, Gut und Böse unabhängig von der Offenbarung zu erkennen. Denn von Gott wird etwas nur angeordnet, weil das Angeordnete an sich gut und nützlich ist; ebenso wird etwas verboten, weil das Verbotene an sich böse und schädlich ist. Die Aschariten hingegen vertreten die Auffassung von einer wertneutralen Schöpfung. Erst durch die Offenbarung weiß der Mensch, was gut und böse ist. Was Gott befiehlt, ist gut, was er verbietet, ist böse.

Mutaziliten und Maturiditen bewerten die menschlichen Handlungen nach deren Konsequenzen; der ethische Wert einer Handlung wird nach dem Nutzen oder Schaden bewertet, den sie zur Folge hat. Bei den Aschariten bemisst sich der Wert einer Handlung nicht nach ihrer Folge, sondern nach der Intention (niyya) des Menschen. Ethische Bestimmungen tragen in den oben genannten theologischen Strömungen den Charakter des Unbedingten, jedoch kann ein einzelnes ethisches Urteil, das bezüglich einer Person ausgesprochen wurde, immer infrage gestellt werden.

Die islamischen Ethiker messen den praktischen Aspekten der Ethik ein größeres Gewicht bei als den theoretischen. Die islamische Religion bietet dem Menschen ein Vorbild für seine ethische Entwicklung, nämlich den Propheten Muhammad. Er hat die Gebote Gottes nicht nur an die Menschen weitergegeben, sondern sie auch selbst in beispielhafter Weise praktiziert, wodurch er zu einem Vorbild für die Menschen wurde. Es ist für den Muslim eine religiöse und ethische Pflicht, sich Muhammad hinsichtlich dessen Lebensführung auch für sein eigenes Leben zum Vorbild zu nehmen. Denn im Koran spricht Gott zu Muhammad: »Du bist, fürwahr, ein Mensch mit hohen moralischen Maßstäben« (68 / 4); und zu den Menschen: »Ihr habt ja im Gesandten Gottes ein schönes Vorbild für den, der Gott und den Jüngsten Tag erwartet und der Gottes oft gedenkt« (33 / 21).

Koran und Hadithe betonen stets Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit als Tugenden, sodass wahrhaftig zu sein als das erste Gebot der Ethik bezeichnet werden kann. Weitere zentrale islamische Tugenden sind Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Genügsamkeit, Gottvertrauen, Großzügigkeit und Geduld.

Recep Kılıç

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