Ethik (chr.)

 
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(türk. Etik)

Ethik ist Reflexionstheorie der Moral. Sie sucht nach einer wissenschaftlich begründeten Antwort auf die Frage: »Was sollen wir tun?« Christliche Ethik versteht die menschliche Erfahrung von Freiheit und von Verantwortung als gleichursprünglich und eng miteinander verknüpft. In der katholischen Theologie hat sich Ende des 19. Jh.s die Differenzierung zwischen Moraltheologie und christlicher Sozialethik/Gesellschaftswissenschaft herausgebildet. Die erste ist wesentlich auf die Differenz zwischen Gut und Böse bezogen. Die zweite auf die Unterscheidung zwischen Gerecht und Ungerecht und damit auf die Gestaltung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen.

Die Konsequenz des christlichen Glaubens an den menschenfreundlichen Gott ist die vorbehaltlose und befreiende Zuwendung zum Nächsten. Der Sinnhorizont des christlichen Verständnisses von Gott, Mensch und Schöpfung fördert ein Ethos gelebter Solidarität und Humanität. Deshalb ist die Kirche als ethische Instanz darauf angelegt, die Menschlichkeit des Menschen zu entdecken und humane Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben zu fördern. Der unbedingte Heilswillen Gottes für alle Menschen und die gesamte Schöpfung begründet nach christlicher Auffassung den Eigenwert des Geschaffenen und die Unbedingtheit der Personwürde, die jedoch im Kontext biologischer und sozialer Bedingtheiten des Lebens eingelöst werden müssen. Die tiefste Begründung für eine zwar christlich geprägte, jedoch zugleich alle Grenzen einer kirchlichen Binnenmoral sprengende Ethik ist der biblische Liebesbegriff: Bejahende Liebe ist nach biblischem Anspruch jedem Menschen bedingungslos zuzusprechen. Nur sie vermag den Menschen in seiner unbedingten Würde wahrzunehmen. In diesem Sinnhorizont kommt jedem Menschen eine unteilbare Würde zu, die unabhängig ist von Religion, Nationalität, Geschlecht und sonstigen Eigenschaften oder Leistungen. Das Spezifische christlicher Ethik zeigt sich deshalb nicht in einer nur für Christen zugänglichen und zu beanspruchenden Begründung von Normen, sondern darin, dass sie auf eine grundlegende Überwindung von Partikularität ausgerichtet ist. Sie richtet sich ihrem eigenen Anspruch nach an alle Menschen und ist daher notwendig im Sinne einer universalen Ethik auszulegen.

Christliche Sozialethik ist der Versuch, auf die Entwicklungsprobleme moderner Gesellschaft mit wissenschaftlicher Methode im Licht des Evangeliums zu antworten. Sie versteht den Glauben als Ermöglichung und Auftrag zur Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Die Einheit von Gottesrecht und Menschenrecht verpflichtet zum unablässigen Streben nach Gerechtigkeit. Maßstab hierfür sind im Horizont der biblischen Reich-Gottes-Verkündigung insbesondere die Erfahrungen derer, die auf der Schattenseite der Gesellschaft stehen (vgl. Lk 4,18: »Der Geist des Herrn […] hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen«). Von daher ist die Option für die Armen prägende Perspektive christlicher Sozialethik. Sie ist darauf ausgerichtet, die Sprachfähigkeit und Mitgestaltungskompetenz der Institution Kirche und der einzelnen Gläubigen in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu fördern. Sie fragt nach Maßstäben und Strategien, um gesellschaftliche Strukturen, politische Entscheidungen und ökonomische Prozesse auf die Ermöglichung von Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsverantwortung auszurichten. Im Unterschied zur individualethischen Frage nach der Motivation und Verantwortung in persönlich zurechenbarer Praxis geht es der Sozialethik um soziale Institutionen, Strukturen und Ordnungssysteme.

Systematischer Kern christlicher Sozialethik sind die Sozialprinzipien. Ihre Basis ist das Personprinzip, das die unbedingte Würde des Menschen als Zweck an sich selbst als Leitmaßstab jeder Gesellschaftsordnung versteht und sich in individuellen Freiheitsrechten, sozialen Anspruchsrechten und politischen Mitwirkungsrechten konkretisiert. Zugleich ist der Mensch ein Sozialwesen, das auf Gemeinschaft, Kooperation und Unterstützung in Notlagen angewiesen ist (Solidarität). Dabei bedarf er jedoch des Schutzes vor kollektivistischer Vereinnahmung durch den prinzipiellen Vorrang der jeweils kleineren sozialen Einheit (Subsidiarität). Der umfassenden Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die moderne Lebens- und Wirtschaftsweise muss heute durch das Prinzip der Nachhaltigkeit gegengesteuert werden, das sich aus christlicher Perspektive als kategorischer Imperativ zeitgemäßer Schöpfungsverantwortung verstehen lässt.

Um im Streit pluraler Interessen und Überzeugungen die Zustimmungsfähigkeit und den Mehrwert christlicher Ethik gegenüber säkularen Ethikentwürfen aufzuweisen, ist der Bezug zum gelebten Glauben und dem Zeugnis der Kirche notwendig. Von daher begleitet die ethische Reflexion kirchliche Praxis und will die befreiende Kraft des christlichen Glaubens im gesellschaftlichen Dialog verdeutlichen. Dieser wird als wechselseitiger Lernprozess zwischen Kirche und Gesellschaft verstanden. Durch ihre Verbindung von Theologie, philosophischer Ethik und sozialwissenschaftlichen Methoden ist sie ein interdisziplinäres Brückenfach zwischen Kirche und Gesellschaft. Nur als solches wird sie ihrem eigenen wissenschaftlichen Anspruch gerecht und kann die Lebenswirklichkeit der Menschen heute angemessen reflektieren.

Markus Vogt

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