Frau (isl.)

 
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(arab. Imra, al-Mara, türk. Kadın)

Nach dem Koran hat Gott die Frau aus dem gleichen Wesen erschaffen (4 / 1) wie den Mann. Frau und Mann sind Diener Gottes und werden in gleicher Weise als Adressaten angesprochen (7 / 19, 22, 24  25). Das im Koran vorkommende Wort Mensch umfasst Frau und Mann; daher beziehen die Ansprachen an den Mann die Frau mit ein (2 / 25, 82, 172). Gläubige Frauen und Männer sind einander Freunde (9 / 71). In der Wertung der Tugenden darf der geschlechtliche Unterschied keine Rolle spielen (49 / 13). Auch in Bezug auf Glauben und religiöse Praxis wird kein Unterschied zwischen Frau und Mann gemacht (2 / 8, 62, 177).

Was Rechte und Pflichten angeht, so ist die Frau ein vom Mann unabhängiges Individuum, und sie ist Dienerin Gottes (33 / 35; 92 / 3  11). Sowohl für ihre guten als auch für ihre schlechten Taten sind Frauen im selben Maße wie Männer verantwortlich (41 / 46; 45 / 15). So haben die Frauen unabhängig von den Männern dem Propheten Muhammad gehuldigt (60 / 12). Dieses Ereignis wurde in der Moderne so interpretiert, dass sich daraus ein politisches Wahlrecht für Frauen herleiten ließe. Ein anderes Beispiel bezieht sich auf die Situation einer Frau, die sich bei dem Propheten Muhammad darüber beschwerte, dass ihr Mann sich aufgrund ihres Alters scheiden lassen wolle. Daraufhin wurden Verse offenbart, die das Recht der Frau bestätigten (58 / 1  4); weil sich die erwähnte Frau hinsichtlich ihres Mannes mit dem Propheten beriet und dabei ihre Rechte verteidigte, erhielt die Sure, in der diese Verse stehen, den Namen »Die Auseinandersetzung«.

In finanzieller Hinsicht hat der Koran den Frauen viele Freiheiten gegeben: Sie können über ihr Vermögen frei verfügen (2 / 43, 110, 254) und haben ein Anrecht auf ihr Erbe (4 / 7). Gott verbietet Diskriminierungen gegenüber Frauen und verurteilt auf das Schärfste den vorislamischen Brauch der Araber, Töchter lebendig zu begraben (16 / 58  59; 81 / 8  9). Prinzipiell können sich muslimische Frauen in allen Bereichen des Lebens (Wirtschaft, Politik, Bildung, Kultur, Kunst) genauso betätigen wie Männer. Muhammad hat gesagt, dass die Rechte der Mutter vor denen des Vaters kommen (s. Bukhari). Da der Prophet besonderen Wert darauf legte, dass erziehende Mütter eine gewisse Bildung besitzen, äußerte er des Weiteren, die Aneignung von Wissen sei Pflicht (fard) eines jeden Muslims, ob Mann oder Frau (s. Ibn Madscha).

In der Geschichte des Islams gab es viele Frauen, die in verschiedenen Bereichen erfolgreich waren. Der Koran und die Sunna lassen leicht erkennen, dass traditionelle Überlieferungen und Bewertungen, durch die Frauen benachteiligt und herabgewürdigt werden, nichts mit der islamischen Religion zu tun haben. Koranverse hingegen – bezogen etwa auf Erbschaft, Zeugenschaft, Züchtigung –, die an eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau denken lassen, widerspiegeln den soziokulturellen und -ökonomischen Kontext der Zeit, in der der Koran offenbart worden ist (2 / 282, 4 / 11, 34).

Dennoch gab es in der Geschichte – und gibt es auch noch heute – bezüglich Frauen diskriminierende Auffassungen. Wenn man sich manche falschen Verhaltensweisen in Bezug auf die Frau in Vergangenheit und Gegenwart vor Augen führt, wird erkennbar, dass es hinsichtlich der Stellung der Frau eine große Diskrepanz zwischen den verbindlichen Quellen des Islams und den meist patriarchalisch geprägten Gesellschaften gibt.

İsmail Hakkı Ünal

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