Frau (chr.)

 
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(türk. Kadın)

Die Frage nach der Rolle der Frau im Christentum ist ein mit vielen Problemen behaftetes Kapitel. Dabei muss man einen Unterschied machen zwischen der prinzipiellen (theoretischen) Auffassung über das Wesen der Frau nach den Grundlagen des christlichen Glaubens einerseits und der praktischen Realität andererseits, in der Frauen in christlich geprägten Kulturen gelebt haben und leben. Nach christlicher Auffassung sind alle Menschen an Würde grundsätzlich gleich, unabhängig von Volkszugehörigkeit, sozialem Rang oder Geschlecht: »Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, da gibt es nicht Mann und Frau. Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Gal 3,28). Die von Paulus auf das Erlösungswerk Christi zurückgeführte Gleichheit von Mann und Frau wird am Beginn des Alten Testamentes im Schöpfungswerk Gottes begründet: Im ersten Schöpfungsbericht wird die Gottebenbildlichkeit des Menschen Mann und Frau in gleicher Weise und gleich ursprünglich zugesprochen (Gen 1,27). Bereits im zweiten Schöpfungsbericht kündigt sich aber eine Ambivalenz in der Wertung der Frau an, die sich durch alle biblischen Schriften zieht: Die erste Frau Eva sei aus der Rippe Adams erschaffen (Gen 2,21  25), habe Adam zum Sündenfall verleitet und sei als Strafe dafür dem Mann unterworfen worden (Gen 3,1  16; vgl. Eph 5,22  24; 1 Kor 14,34 f.; 1 Tim 2,12  14). Von Jesus ist bezeugt, dass er sich den Frauen gleich unvoreingenommen und bedingungslos zuwandte wie den Männern, was ihm auch Kritik einbrachte. Übereinstimmend wird in den Evangelien berichtet, dass Jesus als Auferstandener zuerst den Frauen erschienen ist (Mt 28,1  10; Mk 16,1  13; Lk 24,12), was als eine unerhörte Auszeichnung gegenüber den Männern zu verstehen ist, die der Auferstehungsbotschaft anfangs keinen Glauben schenken konnten. Obwohl im Alten wie auch im Neuen Testament von herausragenden Frauengestalten berichtet wird (Prophetinnen, Maria die Mutter Jesu, Missionarinnen), sind sowohl das Gottesbild wie auch die Gestalten der Bibel zweifellos überwiegend männlich geprägt (auch Jesus als die vollkommene und abschließende Selbstoffenbarung Gottes ist ein Mann). Diese Tatsache wird in der Kirchen- und Theologiegeschichte noch verstärkt, besonders im Bereich der Hierarchie der Ämter, die in der evangelischen Kirche überwiegend und in der katholischen und orthodoxen Kirche ausschließlich (und prinzipiell) mit Männern besetzt werden. Eine Gleichberechtigung der Frau findet derzeit nicht (oder nur in geringem Maß) im Raum der Kirche statt, sondern ist vielmehr ein Kennzeichen (und auch noch lange nicht ganz erreichtes Ziel) von säkularer Gesellschaft und säkularem Staat, für den allerdings der christliche Gedanke der Gleichheit aller Menschen eine wichtige Voraussetzung ist.

Martin Thurner

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