Geschichtlichkeit des Korans (isl.)

 

(arab. Khalq al-Quran, türk. Halkuʾl-Kurʾan)

Geschichtlichkeit des Korans (wörtlich: Erschaffung des Korans) ist ein Terminus in der theologischen Diskussion über die Frage, ob der Koran ewig oder von Gott erschaffen sei. Sie wurde in der Frühzeit des Islams im Zusammenhang mit derjenigen um einen der Namen Gottes (Das Wort) geführt. Die Diskussion wurde auch durch die Begegnung der Muslime mit Judentum und Christentum sowie mit den damaligen philosophischen Strömungen beeinflusst.

In der islamischen Theologie hat sich Dschad Ibn Dirham (gest. 736), der von der Geschichtlichkeit des Korans überzeugt war, erstmals mit der Frage befasst. Anschließend systematisierte Dschahm Ibn Safwan (gest. 745) die Diskussion. Auch die Mutaziliten (8.–9. Jh.), die die Existenz göttlicher Attribute ablehnten, weil sie die Einsheit Gottes sehr streng auslegten, nahmen an, dass der Koran nicht ewig, sondern von Gott erschaffen sei. Der abbasidische Kalif al-Mamun (gest. 827) versuchte, diese Lehre zu einem offiziellen Bekenntnis zu erheben, und rief eine Inquisition ins Leben. Gelehrte wie Ahmad Ibn Hanbal (gest. 855), die sich nicht zu der Lehre der Geschichtlichkeit bekannten, wurden gefoltert. Auch die Kharidschiten (7. Jh.), die Murdschiiten (7.–8. Jh.) und ein Teil der Schiiten (8.–10. Jh.) vertraten die Lehre von der Geschichtlichkeit des Korans. Unter verschiedenen Namen kommt sie sogar heute noch in einigen Rechtsschulen vor, etwa bei den Zaiditen. Entgegen den Mutaziliten vertraten die salafitischen Gelehrten aus der Linie von Malik Ibn Anas (gest. 795) die Ansicht, nicht nur die Worte des Korans, sondern auch deren Aussprache seien ewig.

Zwischen diesen beiden Extremen nahmen frühe sunnitische Gelehrte wie Abu Hanifa (gest. 767), Ibn Kullab (gest. 854), al-Muhasibi (gest. 857), al-Aschari (gest. 936), al-Tahawi (gest. 933), al-Maturidi (gest. 944) eine mittlere Position ein. Sie meinten, der Koran sei von seiner Bedeutung her ewig, doch als Wort und hinsichtlich der Aussprache erschaffen. Diesbezüglich sagte Abu Hanifa (gest. 767): »Der Koran ist das, was in Büchern geschrieben, in den Herzen aufbewahrt und mit der Zunge ausgesprochen wird. … Was wir von ihm lesen und schreiben, ist von Gott erschaffen. Doch das Wort Gottes, der Koran, ist ewig.«

Die Diskussion über die Geschichtlichkeit des Korans wird auch in der Gegenwart fortgeführt.

Muammer Esen

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