Gewalt (chr.)

 
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(türk. Güç)

Von der ursprünglichen Bedeutung her bezeichnet das (deutsche) Wort Gewalt zunächst in einem neutralen Sinn ein Können oder ein Vermögen, das die Verfügung über eigene oder auch fremde Kräfte impliziert. Innerhalb dieser Grundbestimmung gibt es dann die Unterscheidung zwischen Gewalt als Befugnis zur Machtausübung (Herrschaft) und Gewalt als Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegen den Willen des davon Betroffenen (Gewalttätigkeit). Erst an diesem Punkt stellt sich die ethische Frage, unter welchen Bedingungen Gewalt legitimiert ist. Zur Gewalt im Sinne von institutionalisierter Ordnung und Leitung sozialer Gefüge hat die christliche Ethik ein überwiegend positives Verhältnis. Diese Art von Gewalt wird von Gott selbst ausgesagt (z. B. 1 Chr 29,11) und im Sinne eines Herrschaftsauftrages über die Welt auch von Gott dem Menschen in der Schöpfung übergeben (Gen 1,28). Dem Christen wird geboten, die jeweilige politische Macht als gottgegeben zu akzeptieren und sich selbst dann nicht gegen die Herrschenden aufzulehnen, wenn diese nicht christlich sind oder handeln (Mk 12,17; Röm 13,1  7). Dennoch warnt Jesus seine Anhänger ausdrücklich davor, die politische Macht zu verabsolutieren oder zu idealisieren. Die in seiner Botschaft angekündigte Herrschaft Gottes stellt er vielmehr als eine Umkehrung der aktuellen Herrschaftsverhältnisse dar, in welcher die Größten und Vornehmsten die Diener und Knechte aller sein sollen (Mk 10,42  45). Da im Ethos Jesu jegliche Macht also von der Liebe her bestimmt sein soll, lehnt er Gewalttätigkeit im Sinne von Zwang radikal ab, im Gebot der Feindesliebe (Mt 5,43  48) selbst für den Fall der Gegenwehr zur Verteidigung des eigenen Lebens (Mt 5,38  41). Jede Vergeltung für unrechtmäßig erlittene Gewalt soll nicht vom davon Betroffenen selbst vollzogen werden, sondern dem göttlichen Gericht überlassen bleiben (Röm 12,19). In der biblischen Tradition finden sich zudem anthropologisch sehr aufschlussreiche Aussagen zu den Ursachen und Gründen menschlicher Gewalttätigkeit. Diese wird auf die Hinneigung des Menschen zur Sünde zurückgeführt, hinter der die Egozentrik und die Besitzgier stehen, die den Menschen schon von Anfang an zu Gewalttaten verführen (z. B. auch zum Brudermord: Gen 4,1  16). Da die von Gott geschenkte Liebe den Menschen von der Fixierung auf sich selbst befreit, kann sie als Erlösung vom Bösen der Gewalt verstanden werden. Im Hinblick auf das gewaltfreie Liebesethos Jesu wird jede Form von zwanghafter Gewalt problematisch, auch dann, wenn diese von der legitimen politischen Gewalt zum Erhalt von Ordnung und Frieden eingesetzt wird. Wenn dies auch von christlichen Theologen (z. B. Thomas von Aquin, gest. 1274) befürwortet wird, so kann es theologisch nur im Hinblick darauf gerechtfertigt werden, dass die absolute Gewaltlosigkeit Jesu die Vorwegnahme eines (in der Gegenwart noch nicht erreichten) endzeitlichen Zustandes ist. Dabei gilt es in der Praxis, die zur Vermeidung eines größeren Übels eingesetzte Gewalt im Hinblick auf die Maximalforderung der Liebe so weit wie möglich (z. B. durch Verzicht auf Folter) zu humanisieren.

Martin Thurner

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