Gewissen (isl.)

 
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(arab. Widschdan, türk. Vicdan)

Im zeitgenössischen islamischen Denken wird Gewissen als eine Kraft des Herzens und der Vernunft aufgefasst, mit der der Mensch eigene Gedanken, Aussagen und Taten beurteilen kann und die ihm hilft, klar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Das Gewissen gehört somit zu den wichtigsten Quellen der Moral (akhlaq). Das Wort Gewissen kommt zwar nicht explizit im Koran vor, steht aber in einem engen Zusammenhang mit darin enthaltenen Ausdrücken wie natürliche Veranlagung (fitra) und Herz (Vernunft).

In der islamischen Moralphilosophie wurde die Bedeutung des Wortes Gewissen anhand der im Koran und in den Hadithen vorkommenden verwandten Begriffe erörtert. Viele muslimische Gelehrte haben darauf hingewiesen, dass auch koranische Bezeichnungen wie die Verständigen (ulu l-albab), Seele (nafs) oder Scharfsinn (basira) direkt oder indirekt auf das Gewissen deuten. Beispiele dafür sind etwa Aussagen des Korans, denen zufolge in vielen Geschehnissen in der Welt Zeichen für die Verständigen verborgen sind (3 / 190), dass Polytheisten sich wider besseres Wissen selbst belügen (6 / 24), dass das Bewusstsein von Muslimen, grundlos eine wichtige gesellschaftliche Pflicht nicht erfüllt zu haben, sehr auf ihnen lastet (9 / 118). Ebenso wird die Tatsache angesprochen, dass manche Menschen Verse, die Gott Propheten geoffenbart hat, aus reiner Überheblichkeit frevelhaft ablehnten, obwohl sie in ihrem Inneren von deren Richtigkeit überzeugt waren (27 / 14). In solchen Koranversen ist die Rede davon, dass das Gewissen zum Wesen des Menschen gehöre und eine damit verbundene Neigung, Gutes zu tun.

Şenol Korkut

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