Gewissen (chr.)

 
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a) Gewissen (türk. Vicdan)

Das Gewissen ist jene Instanz im Menschen, die ihn zu der Unterscheidung zwischen Gut und Böse befähigt und ihm befiehlt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Es ist jene innere Stimme, die ihm sagt: Tu dies, meide jenes! In dieser spezifisch moralischen Sinngebung taucht der Gewissensbegriff erstmals im 1. Jahrhundert vor Christus in der Epoche der jüngeren Stoa auf. In der klassischen griechischen Antike ist der Begriff noch ebenso wenig anzutreffen wie im hebräischen Sprachraum der Bibel. Das Alte Testament kennt zwar das Phänomen des Gewissens. Es verwendet hierfür jedoch den Begriff des Herzens (Ps 16,7; Jer 31,33). Zu einer zentralen theologisch-ethischen Kategorie wird das Gewissen erst in der Begegnung mit dem Christentum. Wegbereiter war hier der Apostel Paulus. Für Paulus ist das Gewissen zunächst ein neutrales Tribunal im Menschen, das die Übereinstimmung des Handelns mit den von der Vernunft erkannten und den Menschen ins Herz geschriebenen Forderungen des sittlichen Gesetzes überwacht. Diese die Wahrhaftigkeit des Tuns beglaubigende Instanz ist von der sittlichen Vernunft ebenso unterschieden wie von der Glaubenserkenntnis. Sie kann sowohl anklagen als auch freisprechen (Röm 2,14 f.). In theologischer Hinsicht erscheint für Paulus das Gewissen zugleich als der Stellvertreter Gottes vor dem Menschen, der ihm jene letzte Identität zuspricht, die er aus sich selbst nicht gewinnen kann (1 Kor 4,4). In diesem Sinne bezeichnet Augustinus (354  430) einige Jahrhunderte später das Gewissen auch als die Stimme Gottes im Menschen, als den Ort, an dem sich der Einzelne hinsichtlich seines Handelns in die unmittelbare Verantwortung vor Gott gerufen sieht. Aus dieser Eigenart des Gewissensspruches als Ruf in die Heilsentscheidung folgt unmittelbar die Würde des Gewissens und das Recht auf Gewissensfreiheit. Niemand darf einen Menschen dazu nötigen, gegen sein Gewissen zu handeln. Wer das tut, macht Gott seinen absoluten Anspruch auf den Menschen streitig. Allerdings setzt die subjektive Gewissensbindung eine objektive Gewissensbildung voraus. Denn in der Bedeutung, die das Gewissen bestimmten Handlungen zuweist, kann es durchaus irren. Daher gilt: Nur wer sich ständig um eine sachgemäße Ausrichtung seines Gewissens bemüht und sorgfältig nach dem Wahren und Guten sucht, kann Anspruch darauf erheben, in seinem Gewissensspruch geachtet zu werden, selbst dann, wenn er sich objektiv gesehen im Irrtum befindet.

Hans-Günter Gruber

b) Gewissensentscheidung (türk. Vicdan Kararı)

Gewissensentscheidung ist notwendig, wenn Menschen in konkreten Situationen wissen müssen, ob sie das, was von ihnen gefordert wird oder sie gerne möchten, tun dürfen oder nicht. Dies kann im beruflichen Leben ebenso auftreten wie im privaten Bereich. So etwa kann es bei Forschenden in der Rüstungsindustrie oder der Genforschung Situationen geben, wo sie sich fragen, ob sie hier weiterforschen dürfen oder aus Gewissensgründen die Arbeit verweigern müssen. Im privaten Bereich ist eine solche Situation durch die Frage nach der Zulässigkeit von empfängnisverhütenden Mitteln, der sog. Pille, gegeben gewesen. Jeder muss dann für sich entscheiden oder man wendet sich an eine kirchliche Instanz und bittet um Auskunft. In beiden Fällen ist klar, dass die Bibel keine direkte Antwort darauf bereithält. Wer immer antwortet, muss folglich allgemeine Prinzipien der christlichen Lehre und Überlegungen zum konkreten Fall so miteinander kombinieren, dass eine konkrete Antwort möglich ist. Dass andere in einem solchen Falle vielleicht anders entscheiden würden, kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Ebenso muss jeder die Übernahme einer Fremdentscheidung (z. B. des kirchlichen Lehramtes) für sich vor dem eigenen Gewissen verantworten und kann sich nicht einfach durch Verweis auf die entsprechende Instanz der Verantwortung völlig entziehen. All dies zeigt, dass bei jeder konkreten Entscheidung ein gewisser Entscheidungsspielraum bleibt und keine absolute Gewissheit für die Richtigkeit der jeweiligen Entscheidung besteht. Wie immer die Entscheidung auch ausfällt, sie ist die Folge von rationalen und zum Teil auch emotionalen Wahlentscheidungen im Zusammenhang mit allgemeinen Handlungsprinzipien, die es für den Anwendungsfall zu präzisieren gilt. Hier ist also ein Gutteil eigener Urteilsfindung notwendig, um den keine religiöse Tradition herumkommt, sei es auf dem Weg durch die Instanz oder aufgrund des eigenen Gewissens.

Peter Antes

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