Gott (chr.)

 
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(türk. Tanrı)

Der christliche Glaube ist religionsgeschichtlich betrachtet eine relativ späte Entwicklung in der allgemein menschlichen Frage nach dem Göttlichen. Wie insbesondere die Phänomenologie der Religion am Beginn des 20. Jh.s (Rudolf Otto, 1869  1937) erforschte, hat die Vorstellung von Gott universal betrachtet in der Erfahrung des Heiligen ihren Ursprung. Das Heilige wird als dasjenige umschrieben, was als erschreckend und begeisternd zugleich erfahren wird. In dieser Ambiguität stellt es für den Menschen ein überwältigend machtvolles Geheimnis dar (»mysterium tremendum et fascinans«). Die religiöse Auffassung des Göttlichen entsteht also als Reaktion auf die im positiven wie negativen Sinn extremen Erfahrungen des (menschlichen) Lebens und als Antwort auf die damit verbundenen existenziellen Herausforderungen. Das spezifisch christliche Gottesbild hat seine Wurzeln in der religiösen Erfahrung des jüdischen Volkes. Die jüdische Gotteserfahrung artikuliert sich am vollendetsten in jener Aussage aus dem alttestamentlichen Buch Exodus (3,14), in der sich Gott selbst in direkter Rede offenbart: »Ich bin der Ichbin.« Wenn dieser Satz richtig verstanden und übersetzt wird, offenbart er den Kern der jüdisch-christlichen Gottesvorstellung. Im hebräischen Original beschreibt die Rede »Ich bin der Ich-bin« aber keine statisch-zeitfreie Selbstidentität im metaphysischen Sinn, sondern hat von der Verbform her eine stark auf die Zukunft ausgerichtete Bedeutung im Sinne von »Ich bin der, der ich [für euch] da sein werde«. Es handelt sich um eine Aussage, in der Gott zu den Menschen über sich selbst spricht und in dieser Rede sein inneres Wesen offenbart. Dies setzt voraus, dass Gott selbst personale Eigenschaften haben muss, denn nur eine Person hat die Fähigkeit, sich selbst sprachlich mitzuteilen. Durch die zweimalige Wiederholung ein und derselben Wesensaussage wird die absolute Selbstidentität, Unabhängigkeit und Souveränität Gottes allem anderen gegenüber zum Ausdruck gebracht. Daraus folgt, dass die personale Selbstoffenbarung Gottes an den Menschen ein Entschluss seiner absoluten Freiheit ist und damit keineswegs notwendigerweise sich ereignen muss. Indem das Sein Gottes Gegenstand seiner freien Selbstaussage ist, wird auch deutlich, dass sich diese Souveränität auch und insbesondere auf das Verständnis der Welt als Schöpfung bezieht: Die Welt ist nicht notwendig, sondern als Ergebnis von Gottes Schöpfungsentschluss kontingent und endlich, weshalb sie auch nicht sein könnte. Gleiches trifft auch auf den dialogischen Bezug des Offenbarungsgottes zum Menschen zu. Der personal verstandene Gott kann sich zwar dem Menschen sprachlich offenbaren und eine dementsprechende Antwort des Menschen aufnehmen, er muss es aber nicht. Wenn der ewige Gott sich in Schöpfung und Offenbarung in den Kategorien von Zeit und Geschichte mitteilt, so geschieht dies aus Freiheit, Barmherzigkeit und Gnade. Aufgrund dieser Akzentuierung der Freiheit Gottes ist das jüdisch-christliche Gottesverständnis stark vom Moment des Willens Gottes bestimmt. Damit ist gesagt, dass Gott zwar der Welt gegenüber absolut transzendent ist, aber in der Geschichte jenes Volkes als eine die Zukunft eröffnende Macht erfahrbar wird, an das seine Offenbarung ergeht. Grundlage für diese Heilsgeschichte ist der Bund, den Gott mit seinem Volk schließt und der in den Zehn Geboten Gottes seinen Ausdruck findet. Gottes absolut beständige Selbstidentität wird durch sein heilsgeschichtliches Wirken nicht aufgehoben. Die bleibende Transzendenz Gottes ist vielmehr die Voraussetzung seines auf die Zukunft hin ausgerichteten Heilshandelns: Nur weil Gott seinen Verheißungen in Ewigkeit unveränderlich treu bleibt, kann sich der glaubende Mensch in der Zeit unbedingt darauf verlassen. Bereits im Judentum (Altes Testament) ist die Erfüllung des Heils mit der Erwartung eines Messias verknüpft. Im Unterschied zu den Juden glauben die Christen, dass dieser Messias in der Person des Jesus von Nazaret in geschichtlich konkreter Gestalt erschienen ist (Neues Testament). In der Verkündigung Jesu wird die jüdische Vorstellung des Bundesgottes durch die Erfahrung Gottes als des liebenden Vaters vertieft und damit im Prinzip für eine Verbreitung auch über das Volk der Juden hinaus geöffnet. Im Lebensweg Jesu zeigt es sich, dass die Liebe des Vatergottes den Menschen bis in die Abgründe der Gottverlassenheit und des Todes (am Kreuz) begleitet und dem Menschen in jeder auch noch so ausweglos scheinenden Situation einen Neuanfang aus der Kraft des göttlichen Lebens heraus ermöglicht (Barmherzigkeit, Vergebung, Auferstehung). Weil sich in Jesu Verkündigung und Leben die Liebe als tiefste Wesenseigenschaft Gottes unübertrefflich offenbart, wird Jesus von den Christen als Sohn Gottes und Mensch gewordener Gott geglaubt (Inkarnation), der in seiner göttlichen Natur mit dem Vater wesensgleich ist. Im Rahmen der Begegnung des jungen Christentums mit der alten griechischen Philosophie wurde die christliche Gottesvorstellung, die sich in den biblischen Schriften vor allem in Form von Gleichnissen und Erfahrungsberichten artikuliert hatte, auf spekulative Begriffe gebracht. Die Inhalte der so entstehenden christlichen Theologie sind jüdisch-biblischen Ursprungs, die Begriffe, die sie verwendet, entstammen vor allem der griechisch-philosophischen Tradition. Aus dieser Synthese von jüdisch-christlichem Gottesglauben und philosophisch-griechischer Begrifflichkeit ging die klassische christliche Lehre von der Trinität Gottes hervor, nach der Christus schon vor aller Zeit und Schöpfung in der Einheit mit dem Heiligen Geist in Gott Vater als göttlicher Logos präexistiert hat. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Wirklichkeit des christlichen Gottes ein dynamisches Geschehen von absolutem Liebes-Leben (innertrinitarische Zeugung) und absoluter Kommunikation (innergöttliches Wort) ist. Im Laufe der Geistesgeschichte fanden zahlreiche metaphysische Begriffe aus der philosophischen Theologie Eingang in das christliche Gottesverständnis (z. B. absolutes, notwendiges Sein, absoluter Intellekt, absolute Wirklichkeit, erste Ursache, Unendlichkeit, Zusammenfall der Gegensätze). Wenngleich damit Voraussetzungen für die Verbreitung und bessere Begründung des christlichen Gottesglaubens geschaffen wurden, ging damit auch die Gefahr einher, dass die ursprüngliche christliche Gotteserfahrung durch Kategorien verfremdet wird, die ihr äußerlich sind (Problem der Hellenisierung des Christentums). So lässt sich beispielsweise die personale und heilsgeschichtliche Dimension des christlichen Gottesbegriffs schwer in den Kategorien der griechischen Philosophie denken, da dort die entsprechenden Konzepte entweder fehlen oder sogar konträr zur genuin christlichen Auffassung gewertet werden. Bleibende Aufgabe der christlichen Theologie ist es daher, die aus der Philosophie übernommenen Begriffe so weiterzuentwickeln, dass damit das Spezifische der christlichen Gotteserfahrung zum Ausdruck gebracht werden kann. Die bisher skizzierten Elemente des Gottesverständnisses sind allen christlichen Kirchen und Konfessionen gemeinsam. Differenzen bestehen unter anderem lediglich in der Frage nach den möglichen Wegen zur Erkenntnis Gottes. Die katholische Lehrtradition hält an der Möglichkeit einer natürlichen, d. h. rein mit der philosophischen Vernunft ohne Bezug auf die Offenbarung argumentierenden, Erkenntnis der Existenz (und einzelner Eigenschaften) Gottes fest, während in manchen Strömungen der protestantischen Theologie die Unerreichbarkeit Gottes für die vernünftige Erkenntniskraft betont wird, der nur erkennbar sei, wenn er sich selbst durch die Offenbarung mitteilt (dialektische Theologie).

Martin Thurner

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