Historisch-kritische Methode (isl.)

 

(arab. al-Naqd al-tarikhi, al-Uslub al-tarikhi al-naqdi, türk. Tarihsel-Eleştirel Yöntem)

Die historisch-kritische Methode ist eine wissenschaftliche Vorgehensweise, die angewandt wird, um die ursprüngliche Bedeutung eines Textes, dessen Quellen und historischen Kontext und zugleich die Aussageabsicht von Autoren zu erforschen. In der wissenschaftlichen Tradition des Islams wurde diese Methode auf die grundlegenden Quellentexte der Religion angewandt. So hat z. B. die Disziplin Koranexegese Methoden entwickelt, um den Bedeutungsgehalt von Koranversen zu der Zeit, als sie geoffenbart wurden, herauszuarbeiten. Sie zieht zu diesem Zweck Geschichtswissenschaft und Linguistik heran.

Informationen, die sich auf Geschichte und Sprache des Korans beziehen, sind durch Überlieferungen von Muhammad, von seinen zeitgenössischen Anhängern sowie durch die zwei nachfolgenden Generationen, die diese Informationen von den Anhängern Muhammads übernommen und ausgewertet hatten, in der Gegenwart verfügbar. Durch die Überlieferungen seitens der Gefährten des Propheten wird geklärt, ob die Verse in Mekka oder nach der Hidschra in Medina herabgesandt wurden, welches der jeweilige Offenbarungsanlass war und welcher Zeit sie zuzuordnen sind. Zusätzlich werden auf Wörter oder Sätze bezügliche Fragen der Semantik vor dem Hintergrund des seinerzeitigen arabischen Sprachgebrauchs geklärt. Auf diese Weise wird versucht herauszuarbeiten, was die Verse den Adressaten ursprünglich sagen wollten. Deshalb war die islamische Wissenschaftstradition bemüht, Überlieferungen durch Verschriftlichung zu tradieren. Auch die Zuverlässigkeit von Überlieferungen wurde sorgfältig erforscht.

Ab dem 18. Jh. entwickelte sich im Westen eine historisch-kritische Bibelforschung und -exegese. Dies hatte zur Folge, dass auch der historische Kontext des Korans seit der zweiten Hälfte des 20. Jh.s im zeitgenössischen islamischen Denken wieder in den Vordergrund rückte. Diesem Ansatz zufolge
sei der Koran ein Eingriff in das Leben, wie es sich auf der Arabischen Halbinsel des 7. Jh.s abspielte, gewesen. Dementsprechend musste nunmehr, um den Koran richtig zu verstehen, das geschichtliche Umfeld berücksichtigt werden. Untersuchungen zum Koran, die von diesem Forschungsansatz getragen waren, maßen den sozialen, religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten sowohl der vorkoranischen Epoche als auch der Offenbarungsperiode einen besonderen Wert bei. Diese Methode wurde von Amin al-Khuli (1895  1966), Ahmad Khalafallah (1916  1991), Aischa Abdarrahman (1913  1998), Nasr Hamid Abu Zaid (1943  2010) und anderen Wissenschaftlern angewandt.

Dem Bestreben, die historisch-kritische Methode anzuwenden, liegt der Gedanke zugrunde, dass die traditionellen Auslegungsmethoden keine Lösungen für aktuelle Situationen erbringen könnten. Fazlur Rahman (1919  1988), der sich dieser Methode ebenfalls bediente, hat zur Lösung des Problems folgende Vorgehensweise vorgeschlagen: Nachdem der historische Kontext von Koranversen untersucht worden ist, müssen aus dem Koran Grundprinzipien hergeleitet werden. Gestützt auf solche Prinzipien sind dann Lösungen für gegenwärtige Probleme wie etwa die Gleichberechtigung der Frau sowie ihre Zeugenschaft, Monogamie, die Definition von Zinsen und Strafen zu entwickeln.

Mehmet Paçacı

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