Historisch-kritische Methode (chr.)

 

(türk. Tarihsel-Eleştirel Yöntem)

Die historisch-kritische Methode ist die literatur- und geschichtswissenschaftliche Auslegung der Heiligen Schrift, die zwischen dem ursprünglichen (historischen) Sinn des Bibeltextes und den Sinnanliegen der jeweiligen Gegenwart unterscheidet (daher: kritisch). Die historische Kritik gilt heute in der katholischen wie evangelischen Theologie als das grundlegende Auslegungsverfahren. Sie ist aber nicht mit einem historistischen Programm zu verwechseln, nachdem ausschließlich der historische Sinn theologische Geltung beanspruchen kann.

Die biblische Gelehrsamkeit des Altertums und des Mittelalters ging vom vierfachen Schriftsinn aus: a) Literalsinn (kontextuell-wörtliche Deutung: Vernunft), b) typologischer oder allegorischer Sinn (theologische Deutung: Glauben), c) moralischer Sinn (ethische Deutung: Liebe), d) anagogischer Sinn (Deutung im Licht der himmlischen, zukünftigen Welt: Hoffnung).

Erst als in der Neuzeit das geschichtliche Bewusstsein erwachte, trat die Frage nach kontrollierbaren Möglichkeiten historischer Rückfrage in den Vordergrund. Die einzelnen Methoden entwickelten sich nach und nach, nicht selten unter dem Widerstand kirchlicher Verantwortungsträger und frommer Bibelleser: Die Textkritik ermittelt die der ursprünglichen Handschrift am nächsten kommende Lesart. Die Literarkritik fragt nach den Quellen, aus denen ein Text komponiert ist (z. B. Lk aus Mk, der Logienquelle und Sondergut), die Traditionskritik nach der vorausliegenden mündlichen Überlieferung (ähnlich die Motiv- und Begriffsgeschichte). Die Gattungskritik erschließt die Textsorte und die literarischen Formen, die Redaktionskritik die theologischen Leitgedanken, die die einzelnen Autoren bei der Abfassung ihrer Schriften verfolgt haben.

Die historisch-kritische Exegese hat sich wesentlich im Rahmen der evangelischen Theologie entwickelt. Zwar besitzt sie auch im katholischen Raum Wurzeln, namentlich bei dem französischen Priester Richard Simon (1638  1712). Sie wurde jedoch vom Lehramt weithin missbilligt. Erst mit der Enzyklika Divino Afflante Spiritu von Papst Pius XII. (1939  1958) hielt sie offiziell Einzug in die katholische Kirche. Durch die Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung (1965) wurde sie weiter etabliert und theologisch vertieft. Die Päpstliche Bibelkommission hat mit ihrem viel beachteten Dokument Die Interpretation der Bibel in der Kirche (1993) die historische Kritik methodologisch und theologisch im Rahmen der christlichen Schriftauslegung verortet.

Die Stärke der historisch-kritischen Methode liegt in ihrer kriteriengeleiteten Erkundung der biblischen Gesprächspartner. Da sich Gott nach christlichem Verständnis auf menschliche Weise und damit geschichtlich offenbart, ist diese Rückfrage unverzichtbar. Dagegen klammert die historische Perspektive die heutigen Adressaten des Gottesworts aus. Deshalb wird sie derzeit zunehmend durch Methoden ergänzt, die sich auf die Textstrukturen, den Leser, den Leseprozess und die Rezeptionsgeschichte konzentrieren. In auslegungsgeschichtlicher und theologischer Hinsicht gewinnen dabei auch die klassischen vier Schriftsinne wieder Interesse.

Knut Backhaus

Ähnliche Einträge

Der Artikel ist auch in English und Turkish verfügbar.