Integration (isl.)

 
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(türk. Entegrasyon)

Integration ist ein Begriff mit stark soziologischem und politischem Bedeutungsgehalt. Soziologisch verwendet wird damit das harmonische Zusammenleben verschiedener gesellschaftlich-kultureller Gruppen beschrieben, die sich hinsichtlich des ethnischen und nationalen Ursprungs, der Sprache, Religion, Traditionen und Bräuche sowie nach politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Identitätsmerkmalen voneinander unterscheiden.

Unter politischem Bezug geht es bei Integration um Planung und Durchführung von Maßnahmen zur Lösung von Problemen, die sich vor allem aus Migrationsbewegungen ergeben haben. Diese Maßnahmen sind auf ein harmonisches Zusammenleben unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen ausgerichtet.

Aus soziologischer Perspektive rückt das harmonische Zusammenleben von Einheimischen und eingewanderten Bevölkerungsgruppen auf unterschiedlichen Ebenen in den Vordergrund. Sprachliche Fähigkeiten, die gesellschaftliche Kommunikation und wechselseitige Beeinflussung gewährleisten sollen, spielen bei der Integration eine Schlüsselrolle.

Des Weiteren kommen strukturelle, kulturelle, soziale und psychologisch-politische Aspekte der Integration in Betracht: strukturell – hier geht es um die rechtlichen Möglichkeiten von Migranten, einen gesellschaftlichen Status zu erlangen; kulturell – hier handelt es sich um wechselseitige Anpassung und einen Wandel in den Beziehungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Migranten. Unter sozialer Betrachtung geht es um gute Nachbarschaft, Kollegialität am Arbeitsplatz, Partizipation an der Zivilgesellschaft. Unter psychologisch-politischem Aspekt sollten sich Migranten der Gesellschaft und dem Land, in dem sie leben, zugehörig fühlen; die Einheimischen sollten ihrerseits Migranten entgegenkommen.

Bei der politischen Umsetzung haben die Beteiligten je eigene Erwartungen. Es geht dabei vor allem um die Frage, wer sich an wen in welchem Maße anpassen müsse. Im politischen Diskurs geht es um einseitig orientierte Integration, pluralistische Integration und wechselseitige Integration. Eine einseitig verstandene Integration fordert Migranten ein vorbehaltloses Bekenntnis zur einheimischen Kultur ab: Migranten sollen mitgebrachte Mentalitäten und Gewohnheiten entweder aufgeben oder sie zumindest verändern, da diese nach Meinung der Einheimischen einem Zusammenleben im Wege stehen und missbilligt werden.

Befürworter einer pluralistisch verstandenen Integration setzen ein wechselseitiges Kennenlernen und Respekt voraus. Dieser Ansatz basiert auf Anerkennung und Toleranz. Dies ist sowohl für Nichtmuslime gültig, die in muslimischen Mehrheitsgesellschaften leben, als auch für Muslime, die in nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaften leben.

Bei einer als wechselseitig verstandenen Integration sollten für alle Beteiligten Vorstellungen von einer herrschenden Kultur oder einer Subkultur keine Rolle spielen; ein starres Festhalten an Identität sollte es nicht geben, sondern alle Beteiligten sollten offen sein für wechselseitige Beeinflussung, um einander kennenzulernen, sich auszutauschen und zu verändern. Obwohl die wechselseitige Integration aus der Sicht der Integrationspolitiker wünschenswert zu sein scheint, ist sie jedoch unter vielen Aspekten von gesellschaftlicher und kultureller Identität, die Religion eingeschlossen, nicht einfach zu realisieren.

Eine pluralistische Integration weist auf die Möglichkeit eines Mittelweges hin. Dieser Ansatz würde sich nicht gegen kulturelle und gesellschaftliche Identitäten richten, solange konstitutive Elemente, die diese ausmachen – Religion und Sprache eingeschlossen –, nicht bedroht sind und Maßnahmen für deren Schutz und Entwicklung getroffen werden.

Aus islamischer Sicht sind die Bewahrung der islamischen Identität und eine entsprechende Lebensführung von grundsätzlicher Bedeutung. Daneben gibt es noch weitere Grundsätze: sich von Extremen fernzuhalten, mit Nachbarn einvernehmlich zu leben, unter keinen Umständen jemandem Schaden zuzufügen, Unrecht nicht mit Unrecht zu vergelten, sich gegenüber Angehörigen anderer Religionen und deren Werten nicht respektlos zu verhalten.

Daher ist der Islam nicht prinzipiell gegen die Integration von Muslimen in die Gesellschaft, in der sie leben, solange sie ihre Identität bewahren können. Die Schwierigkeit der Einheimischen, die Kultur der Einwanderer kennenzulernen und anzuerkennen, und die emotionale Bindung der Einwanderer an die Gesellschaft, aus der sie kommen, sowie an Kultur und Heimat können den Integrationsprozess in der Übergangsphase negativ beeinflussen. Da diese Bindungen mit der Religion zusammenhängen, wird der Anschein erweckt, die Religion sei das eigentliche Integrationshindernis. Es sollte nicht übersehen werden, dass Integration viele Dimensionen hat.

Cemal Tosun

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