Integration (chr.)

 
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(türk. Entegrasyon)

a) allgemein

Integration stellt ein Konzept der klassischen Soziologie (Emile Durkheim [1858  1917], Herbert Spencer [1820  1903]) dar, das einen sozialen Wandel in einer Gesellschaft kennzeichnet, der dazu führt, dass heterogene Gruppen solidarisch zu einer sozialen Einheit zusammenwachsen. Damit bezieht sich Integration seinem Wortsinn nach auf die Wiederherstellung einer sozialen Ganzheit und gemeinsamen Wertegemeinschaft vor allem dann, wenn politische und soziale Veränderungen dazu auffordern, neue Gruppen oder Orientierungen in der Gesellschaft in das öffentliche Leben einzubeziehen. Integration wurde daher zum Leitbegriff der Debatte um die Folgen von Migration und Einwanderung in Europa. Sie unterscheidet sich einerseits von Assimilation, wie sie in klassischen Einwanderungsländern erwartet wird, also der Aufgabe des Eigenen durch Einwanderer verbunden mit der vollständigen Übernahme der Orientierungen der Aufnahmegesellschaft. Andererseits steht Integration seinem Gegenbegriff der Desintegration gegenüber. Sie führt nicht nur zur Ausgliederung neuer Gruppen von der Mehrheit nach Merkmalen der Herkunft, Sprache, Religion und Staatsangehörigkeit, sondern auch zu deren sozialen Deklassierung, die als Fremde nicht gleichrangig dazugehören. Führen diese Prozesse aufseiten der Minderheit zur Herausbildung einer eigenen Gruppenidentität im Sinne einer von ihr selbst gewünschten Separation, so bilden sich Parallelgesellschaften mit je eigenen Orientierungen aus. Demgegenüber markieren Prozesse der Integration einen je neu auszuhandelnden Mittelweg zwischen assimilativen Tendenzen einerseits und segregativen Tendenzen andererseits, die in der modernen Debatte mit Inklusion oder Exklusion umschrieben werden. Die eigentliche Dynamik von sozialen Prozessen der Integration liegt schließlich darin, dass sie nicht nur gruppenspezifisch verhandelt werden, sondern auf der Basis von Bürger-, Personen- und Menschenrechten individuell und personal ausgestaltet werden. Kein Schüler, kein Mann und keine Frau, ob eingewandert oder nicht, kann allein nach seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe sozial zugeordnet oder betreut werden. Unter diesen Aspekten werden integrative Konzepte aktuell durch das Konzept der Partizipation ersetzt, in dessen Mittelpunkt die individuelle Teilhabe und gleichrangige Mitgestaltung des öffentlichen Lebens durch alle Bewohner steht. Dies erfordert Lernprozesse der Verarbeitung von kultureller Differenz, die nur gemeinsam im Dialog ausgeführt werden können. Entsprechend steht Integration als Leitbegriff für den Prozess der europäischen Einigung in der Europäischen Union. In ihm wird einerseits die Eigenständigkeit aller Nationen, Sprachen, Kulturen und Religionen anerkannt, andererseits werden alle Bürger der Europäischen Union eingeladen, durch internationalen Austausch, wirtschaftliche Kooperation, Mehrsprachigkeit und interkulturelle Begegnung die Europäische Union als strukturelle Ganzheit zu gestalten.

Peter Graf

b) Integration – theologisch (türk. Teolojik olarak Entegrasyon)

Integration bezieht sich soziologisch auf die Herstellung einer sozialen Ganzheit und einer gemeinsamen Wertegemeinschaft. Um dieses Ziel zu erreichen, wendet sich 2010 in Deutschland der Wissenschaftsrat, das höchste wissenschaftliche Beratungsgremium des Landes, in seinen Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen an die Religionsgemeinschaften mit der Feststellung: »Der moderne demokratische Rechtsstaat hat daher ein vitales Interesse daran, religiöse Orientierungen seiner Bürger und Bürgerinnen für die Stabilität und Weiterentwicklung des Gemeinwesens fruchtbar zu machen« (S. 57). Damit sind die Religionen aufgerufen, ihren jeweiligen Beitrag für die Stabilität und Weiterentwicklung des Gemeinwesens zu leisten. Eine Weigerung (Separation, Exklusion, Parallelgesellschaft) gefährdet das Gemeinwesen und ist ethisch unverantwortlich; eine totale Anpassung (Assimilation) aber ist nicht notwendig und auch kaum möglich, wenn religiöse Identität gewahrt bleiben soll. Deshalb ist Integration eine permanente Herausforderung an jede einzelne Religionsgemeinschaft, in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft zu entscheiden, wie viel Anpassung möglich und wo Abgrenzung nötig ist.

Peter Antes

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