Islam (isl.)

 
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(arab. Islam, türk. İslam)

Islam bezeichnet im Kern den Glauben an die Existenz und die Einsheit Gottes, ebenso die Hingabe an Ihn. Islam ist auch der allgemeine Name jener Religion, die alle im Koran genannten und nicht genannten Propheten Gottes verkündet haben. Offenbarungen, die seit Adam bis hin zu Muhammad herabgesandt worden sind, mögen ihrer Form (Scharia) nach unterschiedlich sein, sind aber ihrem Wesensgehalt nach gleich (5 / 48). Da der Begriff Islam im Arabischen Selbsthingabe an Gott bedeutet, wird im Koran Abraham als Muslim bezeichnet, also als jemand, der sich Gott ganz hingegeben hat.

Der Ausdruck Islam wird im Koran und in der Sunna aber auch als Eigenbezeichnung der von Muhammad verkündeten Religion gebraucht. In diesem Sinne wird über Muhammad berichtet, dass er »der erste von denen ist, die sich Gott hingeben (Muslimen)« (vgl. 6 / 14; 39 / 12). Somit ist jeder Mensch, der sich Gott aufrichtig hingibt, ein Muslim. Neben diesem Islamverständnis gibt es jedoch sowohl im Koran selbst als auch in der Sunna noch ein anderes, demzufolge Islam der Name der historischen Religion ist, die der Prophet Muhammad verkündet hat (s. Nasai). Nach diesem Verständnis ist nur der ein Muslim, der sich zu der von Muhammad verkündeten Religion bekennt.

Zu den wesentlichen Charakteristika des historischen Islams gehört, dass Gelehrte je nach Epoche die Hauptquellen Koran und Sunna neu interpretieren (idschtihad) und zu einem Konsens (idschma) gelangen. Fundamentales Prinzip ist das Glaubensbekenntnis, dass es »außer Gott keine Gottheit gibt und Muhammad sein Diener und Bote ist«. Zum Islam gehört auch der Glaube an Engel, heilige Schriften, Propheten, das Jenseits und den Tag des Gerichts. Rituelles Gebet, Fasten, soziale Pflichtabgabe und Wallfahrt sind Basispflichten oder sog. Säulen der religiösen Praxis.

Im Islam ist, in deutlicher Abgrenzung zum Polytheismus, Gott Einer. Er ist einzigartig, ewig und transzendent. Das Ziel besteht darin, Gottes Wohlgefallen zu erlangen (98 / 8). Der Mensch muss sich bewusst bleiben, dass jegliches Handeln einen religiösen Bezug hat. Er hat sich keinem anderen zu beugen als Gott. Erhabene und heilige Werte dürfen nicht für eigennützige Zwecke instrumentalisiert werden.

Der Islam, der von den Menschen die Einhaltung der Gebote und Handlungen fordert, die ihnen Gottes Wohlgefallen eintragen, hält zugleich das Bewusstsein dafür wach, dass für jede Handlung und für jedes Wort im Jenseits Rechenschaft abzulegen ist. In vielen Versen des Korans werden Glaube und rechtschaffenes Handeln zusammen erwähnt, und die Bedeutung sittlichen Verhaltens als Widerschein des Glaubens wird hervorgehoben (2 / 25, 82, 277; 4 / 57, 124). Muhammad betrachtete sittlich einwandfreies Verhalten als Grundbedingung des Muslimseins (s. Bukhari; Abu Dawud). Folglich ist Islam kein im Theoretischen verharrender Glaube, sondern spiegelt sich sowohl im individuellen Lebensvollzug als auch in der Gesellschaft wider. Muhammad hat dies exemplarisch vorgelebt. Der Islam, der auf das Glück und das Wohlbefinden des Menschen hinzielt, legt diesem eine friedliche, liebevolle und harmonische Beziehung zu sich selbst, seinen Mitmenschen, seinem Schöpfer und zu dem gesamten Kosmos nahe.

Politische, soziale und kulturelle Entwicklungen, die nach dem Tode Muhammads (632) eintraten, hatten für die Geschichte des Islams zur Folge, dass unterschiedliche Denkrichtungen und Strömungen aufkamen. Als politische Auseinandersetzungen während der Regierungszeit des dritten Kalifen Uthman (644  656) eingesetzt und die Gefährten Muhammads gegeneinander aufgebracht hatten, entwickelte sich eine Diskussion darüber, wer von den verfeindeten Parteien im Recht sei und ob die Gefallenen der einen oder der anderen Seite im Jenseits für ihren Einsatz bestraft oder belohnt würden. Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten, der in der Auseinandersetzung mit Muawiya den Einsatz eines Schiedsrichters akzeptiert hatte, wurde von einigen seiner Anhänger mit der Begründung verlassen, er habe dem Urteil Gottes das eines Schiedsrichters vorgezogen, und deshalb des Unglaubens bezichtigt. Diese unter dem Namen Kharidschiten bekannte Gruppe vertrat später die Ansicht, Menschen, die schwere Sünden begingen, würden zu Abtrünnigen, und ließ eine Neigung zu Intoleranz erkennen. Gegner dieser Ansicht erklärten, das Urteil über diejenigen, die während des Bürgerkrieges stürben, und auch diejenigen, die schwere Sünden begingen, läge bei Gott. Sie vertraten deshalb die Meinung, dass Sünden – ungeachtet ihres Ausmaßes – dem Glauben keinen Schaden zufügten. Diese Gruppe wurde Murdschiiten genannt.

Jene wiederum, die Ali bedingungslos unterstützten (Schiiten), waren davon überzeugt, dass die Leitung der Muslime nur Ali und dessen Nachkommen zustehe, und stützten sich dabei auf Aussagen des Korans und des Propheten Muhammad.

Die unterschiedlichen Ansichten darüber, ob Handlungen dem Willen des Menschen oder dem Willen Gottes entfließen, haben dazu geführt, dass zwei Glaubensrichtungen entstanden: Qadariyya (Mutaziliten) und Dschabriyya. Diesen Strömungen stand eine Mehrheit – als Leute der Sunna und der Gemeinde (Sunniten) bezeichnet – ablehnend gegenüber. Während sich von den frühesten politischen und dogmatischen Strömungen – außer der Schia und teilweise den Kharidschiten – keine bis in die Gegenwart erhalten hat, bilden die Sunniten trotz interner Richtungsunterschiede bis heute die Mehrheit der Muslime.

In der Gegenwart folgen die meisten sunnitischen Muslime in theologischer Hinsicht der ascharitischen oder maturiditischen Schule, hinsichtlich der gottesdienstlichen Handlungen und der religiösen Praxis der hanafitischen, malikitischen, schafiitischen oder hanbalitischen Rechtsschule. Bei den Sunniten lassen sich noch Spuren einiger Ansichten ansonsten nicht mehr bestehender Gruppen wie der Murdschiiten, Dschabriyya und Mutaziliten finden. So begegnet man Auffassungen der Murdschiiten und Mutaziliten innerhalb der maturiditischen Theologenschule und der hanafitischen Rechtsschule. Ansichten der Dschabriyya finden sich innerhalb der ascharitischen Theologenschule sowie in den schafiitischen und hanbalitischen Rechtsschulen.

Mehr als neunzig Prozent der 1,5 Mrd. Muslime sind Sunniten, die meisten übrigen Muslime zählen zu den Schiiten. Daneben gibt es noch weitere kleinere islamische Gemeinschaften; ferner einen Zweig der Kharidschiten, die Ibaditen, und Anhänger weiterer Strömungen, die in den letzten Jahrhunderten neu entstanden sind.

Innerhalb der drei monotheistischen Offenbarungsreligionen bilden die Muslime – nach den Christen – die zweitgrößte Religionsgemeinschaft. Wie schon in der Vergangenheit präsentieren sich Muslime auch in der Gegenwart je nach Kultur und Region unterschiedlich, doch besteht hinsichtlich der zentralen Glaubensinhalte und religiösen Praxis weitestgehende Einigkeit. Während manche islamischen Gruppen und Strömungen eine strengere und traditionellere Islamauffassung und -praxis vertreten, sind andere moderater. Der universelle Anspruch des Islams, Religion aller Menschen zu sein, ist von der Fähigkeit begleitet, sich im Wandel der Zeiten und an jedem Ort flexibel zu zeigen.

İsmail Hakkı Ünal

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