Islam (chr.)

 
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(türk. İslam)

Da die Christen davon überzeugt sind, dass mit und durch Jesus Christus die Offenbarung Gottes an die Menschen abgeschlossen ist, hatten sie von Anfang an Schwierigkeiten, den Islam als eigenständige Offenbarungsreligion und Muhammad als Propheten und Gesandten Gottes anzuerkennen. Daher kam es in der Geschichte des Christentums zu zahlreichen irrigen Auffassungen über den Islam, die ein positives Verhältnis der Religionen zueinander stark belasteten, wenn nicht gar unmöglich machten. Immer wieder mangelte es der christlichen Seite an dem nötigen Respekt vor der Fremdheit der anderen Religion, weshalb einige Stellungnahmen der Christen zum Islam auch grob verunglimpfend und bewusst polemisch waren. Im Rückblick muss man feststellen, dass in diesem Umgang mit dem Islam die Christen den Kern ihrer eigenen Religion, nämlich die Verkündigung Gottes als die Liebe und das danach ausgerichtete Denken und Tun, verraten und damit Schuld auf sich geladen haben. Die im Folgenden zusammengefassten Elemente des christlichen Islambildes sind daher größtenteils als historische Missverständnisse zu betrachten, an denen die Christen selbst schuld sind und die es gilt, gegenwärtig im Dialog zu überwinden: Die Christen sahen über Jahrhunderte hinweg den Islam als eine innerhalb des Christentums angesiedelte Irrlehre an, stellten Muhammad als Lügenpropheten dar und zweifelten an der Glaubwürdigkeit der von ihm vorgetragenen Botschaft, indem sie Muhammad entweder moralisch disqualifizierten (z. B. als Frauenheld oder Vertragsbrecher) oder für krank (z. B. Epileptiker) erklärten. Bereits der erste große theologische Kämpfer gegen den Islam, Johannes von Damaskus (gest. vor 753), ein melkitischer Christ, der zeitweise im Dienste des Kalifen stand, bezeichnete Mamád – wie er Muhammad nannte – als Lügenpropheten, der – wie er schrieb – flüchtig auf das Alte und Neue Testament gestoßen sei, mit dem arianischen Mönch Bahira in Kontakt gestanden habe und daraufhin seine eigene Häresie geschaffen und das Gerücht verbreitet habe, ihm sei vom Himmel her eine Schrift herabgebracht worden. Damit waren die Hauptvorwürfe gegen den Islam für die weiteren Jahrhunderte genannt, wobei diese im lateinischen Mittelalter bisweilen groteske Ausschmückungen erfahren haben, wenn z. B. in Europa erzählt wurde, Muhammad sei ein Kardinal der römischen Kirche gewesen, der nur, weil er nicht zum Papst gewählt worden war, in seiner Heimat Arabien eine eigene Kirche gegründet habe. Noch abstruser war die Vorstellung, Muhammad sei der Gott der Muslime oder ein Gott unter vielen im von den Muslimen verehrten Pantheon. Neben all diesen Auswüchsen gab es immer wieder seriöses Bemühen, den Koran näher kennenzulernen. Studien des Arabischen wurden gefördert und eine reiche Übersetzertätigkeit setzte ein. Man studierte islamische Philosophen und Theologen (vor allem Ibn Sina [Avicenna; gest. 1037], al-Ghazali [Algazel; gest. 1111] und Ibn Rushd [Averroes; gest. 1198]) und setzte sich (z. B. Petrus Venerabilis [gest. 1156], Thomas von Aquin [gest. 1274], Nicolaus Cusanus [gest. 1464]) mit dem Koran auseinander, um Widersprüche oder häretische Fehldeutungen deutlich zu machen. In der Aufklärungszeit dienten Muhammad und der Islam oft als verfremdete Angriffe auf das Christentum: negativ in Voltaires (gest. 1778) Theaterstück Mahomet als Beispiel für religiösen Fanatismus und positiv in Gotthold Ephraim Lessings (gest. 1781) Theaterstück Nathan der Weise, in dem der muslimische Kalif Saladin als Vorbild für Toleranz in Religionsfragen dargestellt wird. Ab dem Beginn des 20. Jh.s begann in der katholischen Theologie auf Anweisung der Päpste eine positive Beschäftigung mit dem Islam, die primär missionarischen Interessen dienen sollte und mögliche Ansatzpunkte für die christliche Mission unter Muslimen suchte. Zu einer völligen Neuorientierung im Verhältnis zu den anderen Religionen kam es ab den Sechzigerjahren des 20. Jh.s sowohl innerhalb des Protestantismus als auch in der katholischen Kirche durch die Hinwendung zum Dialog mit anderen Religionen. Hier wird zum ersten Mal offiziell der Islam als eigenständige Religion wahrgenommen und nicht mehr nur als christliche Häresie gesehen. Was dies für die christliche Theologie an Konsequenzen mit sich bringt, wurde verbindlich für die römisch-katholische Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962  1965) festgelegt. Innerhalb des Protestantismus gibt es ebenfalls dazu wichtige Verlautbarungen, die alle eine theologische Aufarbeitung des Konzeptes vom interreligiösen Dialog, seinen Aufgaben und Zielen notwendig machen, an denen die christliche Theologie heute arbeitet. In der gegenwärtigen Sicht des Islams in Europa muss berücksichtig werden, dass die allermeisten in den öffentlichen Diskussionen geäußerten Stellungnahmen nicht von den christlichen Kirchen kommen, sondern Ausdruck einer säkularen Betrachtung der Religion und der sich daraus ergebenden Fragen sind.

Peter Antes

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