Islamismus (isl.)

 
 Zitierfähiger Link: Islamismus (isl.)  

(türk. İslamcılık)

Islamismus ist ein Sammelbegriff für Neukonzeptionen des Islams, die, in Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne, sich in unterschiedlicher Weise ideologisch artikulieren und politisch positionieren. Seit Beginn des 19. Jh.s haben Muslime Widerstand gegen die starken Expansions- und Kolonialisierungsbestrebungen des Westens auf militärischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet zu leisten versucht. Zunächst organisierten sie lokale Aufstände in einzelnen Gegenden Asiens und Afrikas. Aus dem Widerstand im Bereich von Kultur und Identität erwuchs schließlich eine umfassende Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne. In diesem Prozess trug die westliche Orientalistik, deren Forschungsgegenstand der islamische Orient ist, dazu bei, dass moderne Denkmuster das muslimische Denken beeinflussten. Die Orientalistik, ihrerseits geprägt von Reformation, Positivismus und Rationalismus, kritisierte den Islam als rückständig und unzivilisiert und sah die muslimischen Gesellschaften als Gegenpol an. Diese Kritik löste die Antwort aus, dass ein von überkommenen Traditionen gereinigter und durch eine neue Lesart des Korans als primärer Quelle zu seinen Wurzeln zurückkehrender Islam dem Fortschritt nicht im Wege stehe und eine Religion sei, die für westliche Werte wie Gleichheit, Frieden, Individualismus, Rationalismus, Menschlichkeit und Demokratie offen sei. Damit wurde der Vorwurf des modernen Westens und der Orientalistik abgewehrt, der Islam sei mit diesen Werten nicht vereinbar.

Es gab jedoch auch die andere Haltung, in der sich der Islam gänzlich gegen jene Werte abgrenzte. Zwischen diesen beiden grundverschiedenen Positionen lagen regional und zeitlich unterschiedliche islamistische Auffassungen, die den Islam im Licht von Ideologien und Strömungen wie etwa des Rationalismus, des Liberalismus, des Nationalismus, des politischen Extremismus, des Radikalismus, des Positivismus, des Militarismus oder des Sozialismus deuteten.

Die islamische Mentalität erlebte im 19. und 20. Jh. grundlegende Brüche und Wandlungen. Das Ziel sämtlicher Formen von Islamismus bestand darin, Widerstand gegen den Westen zu leisten. Doch im Laufe der Zeit begannen die Islamisten, den Islam, den Koran, den Propheten, die Entstehungsgeschichte des Islams, sich selbst und letztendlich auch die Welt im Rahmen der Begriffswelt der bekämpften Orientalistik zu verstehen und zu deuten. Nach Auffassung Leonard Binders (geb. 1927) führte dies dazu, dass der Islam in der Moderne durch die Orientalistik noch einmal vollkommen neu definiert wurde.

Dschamal al-Din al-Afghanis (1838  1897) radikale Traditionskritik diente den meisten Vertretern des Islamismus in Afghanistan, im Iran, in Ägypten und im Osmanischen Reich als Vorbild für eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Islams sowie für politischen Widerstand. Der Ägypter Muhammad Abduh (1849  1905), Raschid Rida (1865  1935) sowie Mehmet Akif Ersoy (1873  1936) in Istanbul folgten ihm. Auch Hasan al-Banna (1906  1949), der Gründer der nationalistisch, politisch und militaristisch ausgerichteten Muslimbruderschaft, war ein Anhänger al-Afghanis und Abduhs. Saiyid Qutb (gest. 1966) wurde zu einem der bedeutsamsten Ideologen dieser Bewegung. Die auf dem indischen Subkontinent von Saiyid Abu l-Ala Maududi (1903  1979) begründete Islamische Partei (Dschamat-i Islami) trat für eine gegen den Westen gerichtete radikale Politik ein. Während der Besetzung von Afghanistan durch die Sowjets (1979  1989) entstand die politische Bewegung der Taliban. Sie hat ihre Wurzeln auf der Arabischen Halbinsel und ist eng verknüpft mit der Salafiyya. Zugleich lässt sich in der globalisierten Welt die Umwandlung und Hinwendung der Taliban zu der zutiefst militaristisch und anarchistisch geprägten al-Qaida-Bewegung beobachten. Demgegenüber bevorzugten etwa Saiyid Ahmad Khan (1817  1898), Muhammad Iqbal (1877  1938) und Fazlur Rahman (1911  1988) eine rationalistische, liberale und intellektuelle Haltung. Für das Osmanische Reich und die Türkei können Denker wie Said Halim Pascha (1863  1921), Babanzâde Ahmed Naim (1872  1934) und Elmalılı Hamdi Yazır (1878  1942) als namhafte Vertreter des Islamismus benannt werden.

Obwohl der schiitische Iran von einer stark institutionalisierten religiösen Tradition geprägt ist und somit einen ganz anderen Akzent innerhalb der islamischen Welt setzt, lassen sich dort grundsätzliche Diskussionen, wie sie für die Moderne prägend sind, beobachten. Während beispielsweise Abdolkarim Sorusch (geb. 1945) für moderne bzw. modernistische Werte eintritt, wendet sich die Riege der Religionsgelehrten unter ihrem geistlichen Führer Ali Khamenei (geb. 1939) gegen diese Werte.

Mehmet Paçacı

Ähnliche Einträge

Der Artikel ist auch in Turkish verfügbar.