Jesus (chr.)

 
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(türk. İsa)

Jesus von Nazaret wurde zwischen 7 und 4 vC. in Betlehem geboren. Er schloss sich in den Zwanzigerjahren der von Johannes dem Täufer gepredigten Umkehrbewegung an, gab dieser jedoch eine dramatische Wende: An die Stelle der zeitlichen Nähe des Zorngerichts tritt die personale Nähe des barmherzigen Vaters. Insofern löst Jesus die Naherwartung des Gerichts durch die Naherfahrung Gottes ab: In Jesu vollmächtiger Verkündigung, seinen befreienden Heilungstaten, seiner Gemeinschaft und Nachfolge bricht Gottes Königsherrschaft schon jetzt wie Saatgut an (vgl. Mk 1,14 f.; 4,26  32). Sie wird sich im Endgericht, bei der Wiederkunft Jesu, vollenden. Im Zeichen dieser Gottesherrschaft sammelt Jesus in Galiläa das Bundesvolk, als dessen Urzelle er zeichenhaft zwölf Jünger (Apostel) in seine engere Lebensgemeinschaft beruft. Vermutlich im Jahr 30 wendet sich Jesus in der Paschawoche in einer prophetischen Zeichenhandlung (der sog. Tempelreinigung, d. h. Jesu Protest gegen den Missbrauch des Heiligtums) gegen die von ihm wahrgenommene Gottvergessenheit im Jerusalemer Tempel und proklamiert so die Herrschaft Gottes in der religiösen Mitte seines Volkes. Dies führt zum tödlichen Konflikt mit der jüdischen Machtelite und zur Kreuzigung Jesu als eines rebellischen Messiasanwärters (Kreuzesaufschrift: König der Juden) durch Pontius Pilatus (26  36), den römischen Statthalter von Judäa. Bei einem letzten Mahl im Jüngerkreis deutet Jesus seinen Tod im biblischen Licht als Hingabe (vgl. bes. Jes 52,13  53,12), die den Bund zwischen Gott und seinem Volk erneuert und vertieft (vgl. 1 Kor 11,23  25).

Hatte sich der engere Jüngerkreis bei Jesu Verhaftung panisch aufgelöst, so traten die Jünger kurze Zeit später mit der Botschaft von seiner Auferstehung und geistlichen Gegenwart auf. Die Naherfahrung Gottes wird damit ganz an das personale Verhältnis zu Jesus Christus als dem erhöhten Herrn gebunden. In Taufe und Herrenmahl wird dieses Verhältnis kultisch vergegenwärtigt und begründet die Kirche als Gemeinschaft der an Christus Glaubenden. Der Apostel Paulus stellt den Tod und die Auferstehung Jesu als Überbrückung der Gottferne (Sühne, Versöhnung) in den Mittelpunkt seiner an Juden und Heiden gleichermaßen gerichteten Botschaft. Die Verkündigung Jesu selbst wird in einer Sammlung von dessen Worten (die sog. Logienquelle, genannt Q) aufbewahrt und zugleich fortgeschrieben. Erst nach vierzig Jahren beginnt man damit, die Überlieferungen in den Jesus-Erzählungen (Evangelien) zusammenzufassen und theologisch zu interpretieren. Im Johannesevangelium tritt dabei ganz die Person des göttlichen Offenbarers und Erlösers in den Vordergrund.

So wie Jesus geschichtlich Gottes Nähe verkündigt und verkörpert hat, so wird Gott in der christlichen Glaubenserfahrung und -reflexion immer stärker im Blick auf Jesus als seinen letztgültigen Repräsentanten verstanden (vgl. z. B. Phil 2,6  11; Joh 1,1  18). In Wechselwirkung wird Jesus immer deutlicher als das Wort, das Bild, der Sohn Gottes, das Licht vom Licht wahrgenommen. Auf diesen göttlichen Ursprung verweist auch die bei den Evangelisten Matthäus und Lukas überlieferte Glaubensaussage von der geistgewirkten Empfängnis Jesu (Jungfrauengeburt). So wie Jesus ganz von Gott her definiert wird, so findet Gott in Jesus seine geschichtliche Verkörperung: Gottes Macht und Herrlichkeit offenbaren sich nicht jenseits des Menschen, sondern gerade in jener Menschlichkeit, die Jesus in letzter Konsequenz geteilt hat.

Knut Backhaus

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