Menschenwürde (chr.)

 
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(türk. İnsan Onuru)

Der für das christliche Menschenbild zentrale Gedanke, dass jedem Menschen unabhängig von äußeren gesellschaftlichen oder kulturellen Faktoren eine unverfügbare Würde eigen ist, wurde in der Philosophie der säkularen Aufklärung erstmals ausdrücklich formuliert. Nach Immanuel Kant (1724  1804) kommt Würde demjenigen zu, das »über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet«. Daraus folgt, dass es niemals bloß »als Mittel zu fremden Zwecken gebraucht« werden kann, sondern stets als »Zweck an sich selbst« anerkannt werden muss. Dies ist nur dann der Fall, wenn ein Wesen sich aus Freiheit selbst bestimmen kann. Die Befähigung zur Sittlichkeit setzt die Vernunftbegabung voraus. Daraus ergibt sich, dass allein dem Menschen, dafür aber allen Menschen mit ihrer Vernunftbegabung auch eine unantastbare Würde zukommt. Als in seinen Handlungen autonomes Vernunftsubjekt hat der Mensch nach Kant demnach eine unantastbare Würde, aufgrund derer ihm die Menschenrechte unveräußerlich zustehen. Über Kant hinaus bleibt die Frage, ob die Begründung der Menschenwürde in der autonomen Vernunftnatur des Menschen ausreicht oder sie einer weiteren Legitimation bedarf, die in der Dimension des Unbedingten, also des Transzendenten und Absoluten, liegt. Nach christlicher Auffassung kann, soll und muss allein die Religion der Menschenwürde jene letzte und unbedingte Begründung geben. Die Würde, die dem Menschen als autonomem Vernunftsubjekt unveräußerlich zukommt, kann ihren tieferen und letzten Grund in den fundamentalen christlichen Glaubensannahmen finden: Der Mensch ist das Bild des lebendigen Gottes (Gen 1,26) und dieser lebendige Gott des christlichen Glaubens ist es, der jeden Menschen durch seine absolute Liebe in der Würde erst unantastbar macht. Im Glauben daran, dass jeder Mensch als Individuum von Gott geschaffen und zu einer Zukunft auch über den Tod hinaus in der personal-dialogischen Gemeinschaft mit Gott berufen ist, wird die Menschenwürde im Christentum auch ausdrücklich auf den einzelnen Menschen bezogen. Wenngleich sich aus dem christlichen Glauben die Möglichkeit einer absoluten Begründung der Menschenwürde ergibt, folgt daraus nicht, dass nicht auch andere Religionen dazu in der Lage und aufgerufen wären.

Martin Thurner

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