Mystik (isl.)

 
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(arab. Tasawwuf, türk. Tasavvuf)

Der für die islamische Mystik (Sufismus) gebräuchliche Begriff tasawwuf ist aus der Wurzel des arab. Wortes suf (Wolle) abgeleitet; er bedeutet das Tragen von wollenen Kleidern. Zwar findet man in verschiedenen Quellen auch andere Herleitungen, doch erklärt keine von diesen den Bezug zur Wortwurzel. Angesichts des Umstands, dass zu Muhammads Zeiten und auch später das Tragen wollener Kleidung ein Zeichen von Askese (zuhd) war, erscheint die angeführte Herleitung schlüssig. Als Erster wurde Abu Haschim al-Kufi (gest. 767) Sufi (Asket/Mystiker) genannt.

In der islamischen Tradition hat die Mystik hinsichtlich Existenz, Erkenntnis, Ethik einen anderen Ansatz als Philosophie oder Theologie. Die Mystiker gehen davon aus, dass das Sein eine absolute Einheit ist, Vielfalt das Ergebnis von Sinnestäuschungen. Um zu einem angemessenen Verständnis dieser Realität gelangen zu können, legt die Mystik in der Gott-Mensch-Beziehung besonderen Wert auf Intuition und Erfahrung. Die Mystik hat zum Ziel, die Verbundenheit zwischen Gott und Mensch jeden Augenblick lebendig zu erhalten. Dabei orientiert sie sich an dem Modell des vollkommenen Menschen (al-insan al-kamil), das wiederum die Lebensweise Muhammads zum Vorbild hat. Die Mystik stützt sich zwar auf Koran und Sunna, akzeptiert aber über Offenbarung und Vernunft hinaus auch Erleuchtung (kaschf) und Inspiration (ilham) als Quellen der Erkenntnis. Solcher Erkenntnis, die keine absolute ist, kann jedoch nur dann Vertrauen geschenkt werden, wenn sie nicht im Widerspruch zu den Grundprinzipien der Religion steht.

Unabdingbare Voraussetzungen für die Annäherung an Gott und die Vereinigung mit Ihm sind innerliche Reinigung sowie die Loslösung von weltlichem Eifer und von Begierden. Dies kann durch einen seelisch-leiblichen, geistigen und ethischen Lernprozess erreicht werden.

Höchstes Ziel der Mystiker ist die Erfahrung der Liebe Gottes. Alle weltlichen Liebesbeziehungen und Interessen in der Welt bieten Möglichkeiten, zu diesem Ziel zu gelangen. Wie der Mensch körperlich erkranken kann, so kann sich auch geistiges Unbehagen bei ihm einstellen. Die Mystik zielt darauf ab, dass durch innere Einkehr negative menschliche Eigenschaften in positive gewandelt werden. Diesen Prozess bezeichnen die Mystiker als Formung des menschlichen Charakters durch den göttlichen Charakter. Demnach ist der Mystiker eine Person, die diesen Prozess durchläuft und darauf hofft, charakterliche Reife zu erlangen. Gleichzeitig versucht der Mystiker, die religiöse Dimension der Liebe in seinem Handeln unter Beweis zu stellen.

Aufgrund der Überzeugung, dass Gott alle Dinge in einer schönen Form geschaffen habe, versucht der Mystiker, in allem Geschaffenen etwas Gutes und Schönes zu erblicken. Deswegen bemüht er sich, größtmögliche Freude am Leben zu haben. Da aber in der Mystik die innere Dimension des religiösen Lebens im Vordergrund steht, wird weniger äußeren Formen als vielmehr geistigen und charakterlichen Qualitäten Bedeutung beigemessen.

Auch in der Gegenwart sind unter den Muslimen unterschiedliche Erscheinungsformen der Mystik zu beobachten. Darüber hinaus ist Mystik ein eigenständiger Wissenschaftszweig, der in der Türkei an theologischen Fakultäten gelehrt wird.

Kommision

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