Nächstenliebe (isl.)

 
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(türk. İnsan Sevgisi)

Nächstenliebe ist die grundlegende Fähigkeit des Menschen, sich anderen zuzuwenden und dementsprechend zu handeln. Gott, der liebt und geliebt werden will, hat den Menschen zweifellos als liebesfähig erschaffen. Der liebesfähige Mensch kann seine Liebe allen Geschöpfen schenken, vor allem aber dem Menschen, denn der steht ihm am nächsten. Der Mensch ist nicht nur Geschöpf des liebenden Gottes, sondern auch ein Produkt der Liebe. Denn sein Entstehungsgrund ist das Zusammenkommen von Mann und Frau, von denen es heißt, Gott habe von Natur aus Liebe zwischen ihnen gestiftet (30 / 21). Der gesamte Kosmos kommt von Gott, alle Dinge sind ontologisch mit Gott verbunden. Die diesbezügliche Wahrnehmung des Menschen nährt in ihm das Gefühl der Wesensgleichheit mit der ganzen Schöpfung und insbesondere mit seinen Artgenossen.

Die Liebe hat im islamischen Denken einen besonderen Stellenwert. Der Koran, der das gute Handeln als Ziel der Schöpfung betont (67 / 2), sieht in der Liebe das tragende Gefühl dieser Handlungen: »Siehe, denen, die glauben und gute Werke tun, wird der Erbarmer Liebe erzeigen« (19 / 96). Gutes Handeln ist zugleich ein Zeichen der Nächstenliebe wie auch Auswirkung der in der Natur des Menschen angelegten Liebe. Einzelne Koranverse schließen diejenigen, deren Handeln nicht gut ist, von der Liebe Gottes aus (»Gott liebt ja nicht die Frevler« 3 / 140; 42 / 40; »Gott liebt die Unheilstifter nicht« 28 / 77; 5 / 64 usw.). Solche Menschen werden ohne Liebe bleiben und zudem die Konsequenzen ihres Handelns tragen müssen. Denn böses Handeln bringt im Menschen womöglich Lieblosigkeit, Konflikte, Streitigkeiten und Hass hervor. Deshalb hat Gott erklärt, diese Menschen liefen Gefahr, Seiner alles umfassenden Liebe fernzubleiben.

Muhammad betonte die Liebe als Grundwert der menschlichen Natur, indem er zu seinen Freunden sagte: »Solange ihr einander nicht wirklich liebt, geltet ihr nicht als gläubig« (s. Tirmidhi). Er machte den Beitritt eines Menschen zum Islam von der Liebe zu anderen Menschen abhängig. Wenn ein Mensch einen anderen liebt, erwächst daraus die Liebe zur ganzen Menschheit und zu sich selbst. Die Kraft der Liebe hebt alle trennenden Hindernisse zwischen den Menschen auf. Muhammad entwickelte nach seiner Auswanderung nach Medina auf der Grundlage der Liebe ein Projekt der Verschwisterung zwischen Ausgewanderten und Ortsansässigen. Dabei gelang es, eine gemeinsame Wertgrundlage für die Angehörigen zweier einander fremder Stämme aufzubauen, die sie ohne Zögern ihr Hab und Gut miteinander teilten ließ (59 / 9). Im Koran wird ihre Nächstenliebe gelobt. Am wichtigsten im Islam ist neben dem Glauben an Gott das gute Handeln. Die Liebe zum Menschen verbindet diese beiden.

Mualla Selçuk

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