Offenbarung (chr.)

 
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(türk. Vahiy)

Offenbarung ist eine Grundkategorie des christlichen Glaubens, die nur von der christlichen Grunderfahrung Gottes als die Liebe (1 Joh 4,8) her angemessen verstanden werden kann. Im tiefsten Sinn ist die Offenbarung jene Selbstmitteilung Gottes, die seinem Wesen als Liebe entspricht. Da die Liebe grundlos geschieht, kann der Inhalt der Offenbarung auch nicht vollkommen begrifflich erfasst werden und bleibt so ein Geheimnis. Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes ereignet sich auf verschiedenen Ebenen: Bereits in der innergöttlichen Trinität geschieht im Moment der Zeugung des göttlichen Wortes die offenbarende Selbstmitteilung Gottes als dialogisches Liebesgeschehen zwischen Vater und Sohn. Die Schöpfung der Welt gilt als erste endliche Gestalt der Selbstoffenbarung Gottes, die für alle Menschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit offen ist und als solche erkannt werden kann (Weish 13,1  9; Röm 1,18  20). Nicht nur der Sündenverfallenheit und natürlichen Schwäche des Menschen wegen, sondern auch um seine Selbstoffenbarung in ihrem dialogischen Charakter zu intensivieren, hat sich Gott den Menschen durch die Propheten in den heiligen Schriften ausdrücklich geoffenbart. Die Schriftoffenbarungen dienen nicht primär der Information und Belehrung, sondern sollen Ausdruck einer lebendigen Kommunikation zwischen Gott und Mensch sein. Dies hat Konsequenzen für das darin vorausgesetzte Menschenbild: Im Empfang der Schriftoffenbarung wird der Mensch als Dialogpartner Gottes erwiesen, der stets durch eine Offenheit für das göttliche Wort ausgezeichnet ist. Eigentlicher Inhalt der Schriftoffenbarung sind nicht irgendwelche Sätze, sondern ist Gott selbst in seiner Zuwendung zum Menschen. Nach christlicher Auffassung kulminiert dieses Offenbarungsverständnis im Glauben daran, dass die göttliche Selbstmitteilung durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ihre bleibende Vollendung in personaler Konkretheit findet. Der Glaube an Kulmination und Abschluss der Offenbarung in Jesus Christus bedeutet, dass Gott sich dem Menschen voll und ganz gibt, wenn er sich nicht mehr nur in Bild, Gleichnis, Wort und Schrift, sondern von Angesicht zu Angesicht mitteilt. Im Hinblick auf die absolute Erfüllung der christlichen Offenbarung in der Menschwerdung Gottes kann das Christentum nur in einem vorläufigen und eingeschränkten Sinn als Schriftreligion bezeichnet werden. Da die personale Selbstmitteilung Gottes der Inhalt der Offenbarung ist, sind die Sätze der Schrift und des Glaubensbekenntnisses nur sekundäre Formen der Vermittlung von Offenbarung, nicht die Offenbarung selbst. Weil Jesus Christus nach christlichem Glauben als Auferstandener in den Herzen der Gläubigen fortlebt (Eph 3,17), kann der Offenbarungsprozess der Selbstmitteilung Gottes durch das dialogische Gebet in der mystischen Innerlichkeit eines jeden Menschen lebendige Wirklichkeit bleiben.

Martin Thurner

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