Religionsfreiheit (chr.)

 
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(türk. Din Özgürlüğü)

Religionsfreiheit zählt zu den Grundrechten des Menschen, die mit dem Menschsein selbst gegeben sind. Sie haben deshalb universale Geltung. Dennoch war und ist die Religionsfreiheit keine Selbstverständlichkeit. Es bedurfte eines langen, vielschichtigen und komplexen Prozesses, bis die Gleichheit aller Menschen ins Bewusstsein trat und der Mensch als Person, als Wesen endlicher Freiheit, verstanden wurde. Der Mensch steht in unvertretbarer Verantwortung vor Gott und nimmt deshalb in seiner Singularität den höchsten Seinsrang ein. Obwohl dieses Verständnis des Menschen in der jüdisch-christlichen Glaubenstradition grundgelegt ist, wurde es zunächst im säkularen Raum durch die Aufklärung und durch das Ringen um demokratische Strukturen wirksam.

Monotheistische Religionen hatten und haben besondere Schwierigkeiten, die Religionsfreiheit zu akzeptieren. Völlig unbegründet sahen sie darin den eigenen absoluten Wahrheitsanspruch infrage gestellt, denn Religionsfreiheit impliziert kein Urteil über eine objektive Wahrheit, sondern reklamiert ein subjektives Recht des Menschen. Aus diesem Missverständnis heraus hat auch das Christentum, das sich als Religion der Freiheit versteht, die Religionsfreiheit mit Entschiedenheit bekämpft. Von katholischer Seite wurde erst mit der Erklärung über die Religionsfreiheit (Dignitatis humanae) im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962  1965) diese in vielfacher Hinsicht folgenschwere Fehlentwicklung, die bereits im 4. Jh. eingesetzt hatte, überwunden. Durch das Faktum der Reformation ist Religionsfreiheit – zunächst als Forderung nach Toleranz – in der evangelischen Kirche von Anfang an thematisiert. Es dauerte aber auch hier bis ins 20. Jh., bevor sich dieser Gedanke in seiner umfassenden Bedeutung nicht nur als Freiheit einer Religion als Korporation, sondern auch in seiner personalen Dimension durchsetzen konnte.

Religionsfreiheit hat ihr bleibendes Fundament in der Tatsache, dass Gott den Menschen unablösbar an sein Gewissen gebunden hat. Der Mensch ist in Verantwortung vor Gott Herr seines Handelns. Deshalb muss auch seine persönlichste Entscheidung, der Akt des Glaubens, als Antwort auf Gottes Anspruch ein Akt personaler Freiheit sein. Glaube und Zwang schließen sich gegenseitig aus.

Der Mensch »darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Er darf aber auch nicht daran gehindert werden, gemäß seinem Gewissen zu handeln, besonders im Bereiche der Religion« (Dignitatis humanae I 3).

Da der Mensch seinem Wesen nach Mitmensch ist, hat das Recht auf Religionsfreiheit auch eine gesellschaftliche Dimension. Daraus resultiert, dass nicht nur der Einzelne frei sein muss vom Zwang in religiösen Dingen, auch Religionsgemeinschaften haben Anspruch auf Religionsfreiheit. Dazu zählt das Recht, nach den je eigenen Normen den öffentlichen Kult auszuüben, das eigene Leben nach den jeweiligen religiösen Grundsätzen zu ordnen und die eigenen Amtsträger frei zu wählen. Das alles steht unter dem Vorbehalt, dass die berechtigten Belange der öffentlichen Ordnung dadurch nicht verletzt werden. Sollte eine Glaubensgemeinschaft die Religionsfreiheit der einzelnen Mitglieder nicht respektieren, geht ihr als Gemeinschaft der Anspruch auf Religionsfreiheit verloren. Diese Überlegungen führen mit zwingender Notwendigkeit zu der Einsicht, dass Religion und Staat nicht identisch sein können, da nur in einem religiös neutralen Staat Religionsfreiheit verwirklicht werden kann.

Die Alternative zur Religionsfreiheit ist die Perversion von Religion und die Zerstörung der Menschenwürde.

Richard Heinzmann

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