Säkularismus (isl.)

 
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(türk. Dünyevileşme)

Säkularismus ist eine Weltanschauung, die den Verweischarakter der Welt und des irdischen Lebens auf eine jenseitige, göttliche Welt leugnet. Sie ist zu unterscheiden von Säkularität im Sinne einer Trennung von Staat und Religion. Alles Weltliche – das irdische Leben eingeschlossen – besitzt nach islamischer Auffassung neben der offensichtlichen Wirklichkeit noch eine Mittlerfunktion, die auf eine größere Wirklichkeit verweist. Säkularismus jedoch besagt, dass der Mensch nicht in der Lage ist, die tatsächliche Bedeutung und den Wert der Welt und des irdischen Lebens zu begreifen. So gesehen ist Säkularismus ein Phänomen, das sich aus der Umkehrung von Mittel und Zweck ergibt. Aus der Sicht des Islams ist die Welt durch Gottes Willen zu einem bestimmten Zweck geschaffen worden und hat eine religiöse Bedeutung und einen religiösen Wert. Das irdische Leben ist zwar vergänglich und verweisend, aber keine Illusion, nichts Unwichtiges. Denn ebenso wie nichts unabhängig von Gottes Willen existieren kann, so wurde auch nichts ohne Sinn geschaffen. Demnach soll der Mensch der Welt nicht den Rücken kehren, sondern das Leben auf Erden als einzigartige Möglichkeit betrachten, sich die Freuden des glücklicheren fortwährenden Lebens im Jenseits zu verdienen.

Laut Koran helfen diese Sichtweise des irdischen Lebens und die Ausrichtung auf ein jenseitiges Ziel dem Menschen auch, das Dauerhafte dem Vergänglichen vorzuziehen. Denn das vergängliche irdische Leben ist eine Prüfung in der Vorbereitungsphase auf das Leben im Jenseits. Daher lassen sich Sinn und Wert des irdischen Lebens nicht unabhängig von einem Leben im Jenseits denken. Da die Wirklichkeit des irdischen Lebens vergänglich ist, sind sein Sinn und sein Wert auf das ewige Leben im Jenseits hin ausgerichtet. Der Islam mit seiner realistischen Haltung sowohl gegenüber der Welt als auch gegenüber dem Jenseits sieht zwischen beiden eine reale Beziehung: Das vergängliche irdische Leben als Vorbereitungs- und Probezeit für das Leben im Jenseits, das die ewige Wirklichkeit darstellt, muss eine lebendige Wirklichkeit besitzen.

Aus Sicht des Islams kann der Säkularismus – vereinfacht ausgedrückt – die nichtvergängliche Bedeutung des vergänglichen irdischen Menschenlebens nicht erfassen, er betrachtet somit das irdische Leben nicht als eine Vorbereitungs- und Probezeit für das ewige Leben im Jenseits bzw. er vermag es nicht als solche zu betrachten. Damit übernimmt das vergängliche irdische Leben die Stelle des ewigen Lebens im Jenseits und der Mensch muss ohne eine transzendente, existenzielle Bedeutung, die über das irdische Leben hinausgeht, auskommen. Das irdische Leben ohne einen transzendenten Sinn zu begreifen und zu leben bedeutet, dass der Mensch sich in einem erkenntnismäßigen und ethischen Dämmerzustand befindet. Und dies wiederum heißt, der Mensch begreift und lebt das irdische Leben ohne Gott sowie ohne das durch Seine Weisheit gesetzte Ziel, wodurch er sich seinem eigensten, innersten Wesen entfremdet.

Mehmet Sait Reçber

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