Säkularismus (chr.)

 
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(türk. Sekülerizm/Dünyevileşme)

Von der Wortwurzel her geht Säkularismus auf den lateinischen Ausdruck saeculum (= Zeitalter) zurück. Seine Bedeutung gewann er in dem Moment, als das Christentum sich als Geschichte des Heiles begriff und damit von der Weltgeschichte, eben dem saeculum, unterschied. Während in manchen Religionen wie etwa dem Hinduismus die Natur und der Verlauf der Zeit noch als Dimensionen der unmittelbaren Präsenz des Göttlichen erfahren wurden, betonte das Christentum die absolute Differenz zwischen Gott einerseits und Welt und Geschichte andererseits. Dadurch wurden diese Bereiche zwar entgöttlicht (= säkularisiert), als nichtgöttliche Wirklichkeit aber auch in eine welthafte Eigenständigkeit freigesetzt. Diesen ideengeschichtlichen Prozess mit all seinen politischen, gesellschaftlichen und lebenspraktischen Folgen nennt man Säkularisierung in einem allgemeinsten Sinn. Sie wird vom Christentum nicht nur anerkannt, sondern ergab sich als wesentliche Folge des christlichen Verständnisses von Welt und Gott. In einem engeren Sinn bezeichnet man mit Säkularismus politische und ideologische Strömungen, die von einem Standpunkt außerhalb jeder Religion eine Befreiung aller Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens von religiösen Machtbefugnissen und Einflüssen aller Art fordern. Diese Form von Säkularismus entstand im Gefolge der europäischen Aufklärung und führte schließlich auch zur Säkularisation als der Abschaffung von kirchlichen Privilegien und der Enteignung von Vermögen und Besitz der Kirchen. Die im Säkularismus vorausgesetzte Trennung von Religion und Staat wird seit dem 20. Jh. aus christlicher Perspektive begrüßt und gefordert. Erst unter der Bedingung, dass es keine Staatsreligion gibt, ist jene im christlichen Glauben vorausgesetzte freie Glaubensentscheidung des Menschen überhaupt möglich. Die Säkularität des Staates wird somit zur Voraussetzung für die Freiheit der Religion, was besonders unter den gegenwärtigen Bedingungen von religiös pluralen Gesellschaften für das politische Zusammenleben der Angehörigen verschiedener Religionen unverzichtbar geworden ist. Allerdings kann der Säkularismus diese auch für die Religion konstitutive Funktion nur erfüllen, wenn er sich selbst nicht zu einer absolutistischen Ideologie verengt, sondern allen Religionen jene Freiheit belässt und eröffnet, die für ihn selbst konstitutiv ist.

Martin Thurner

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