Scharia (isl.)

 
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(arab. Scharia, türk. Şeriat)

Der Begriff Scharia kann verschiedene Bedeutungen haben: a) die je nach Gesellschaft und Zeit unterschiedlichen Ausformungen göttlicher Gebote, die den Propheten offenbart wurden; b) das auf islamischen Prinzipien und Regeln basierende Rechtswesen, durch das das individuelle und gesellschaftliche Leben geordnet wird; c) die zeitgemäße, dem gesellschaftlichen Kontext entsprechende Auslegung und Anwendung von religiösen Prinzipien.

Im umfassendsten Sinn umschreibt das Wort Scharia die Gebote und Verbote, die Gott zu bestimmten Zeiten mittels Seiner Gesandten zur Unterstützung der menschlichen Vernunft offenbart hat.

Die Scharia betrifft zum einen den Inhalt des Glaubens und ist damit Teil der islamischen Theologie (kalam); zum anderen enthält die Scharia Bestimmungen für das praktische Leben der Muslime und ist damit Teil der Rechtswissenschaft. In der Rechtswissenschaft wird für die Festlegung der Scharia nicht nur der Koran, sondern auch die Sunna berücksichtigt. Weitere Quellen der Scharia sind der Konsens der Gelehrten und der Analogieschluss. In der islamischen Theologie ist die Scharia, neben der Vernunft und der Sinneserfahrung, die dritte Wissensquelle, die als Mitteilung (khabar) bezeichnet wird.

Zwischen den Begriffen Religion und Scharia besteht eine enge Verbindung. Oft werden sie synonym verwendet. In den Offenbarungen, angefangen vom ersten Propheten Adam bis zum letzten Propheten Muhammad, wurden den Menschen als unverrückbare, universelle Prinzipien der Glaube an die Existenz und Einheit Gottes und an das Jenseits vermittelt und ein sittlich einwandfreies Leben befohlen. Diese Prinzipien wurden als Religion, ihre jeweilige Umsetzung hingegen als Scharia bezeichnet. Dass Gott in bestimmten Phasen den Menschen Unterschiedliches offenbart hat, zeigt, dass die in ihrem Wesen unveränderbare Religion unter historischer und kultureller Betrachtung dynamisch und wandelbar ist. Demnach bildet die Religion das universelle Fundament des göttlichen Willens ab, das eine Beziehung zwischen Gott und Mensch möglich macht, während die Scharia den göttlichen Willen unter historischen Bedingungen wiedergibt. Aus dem Vers (42 / 13), in dem Gott zu Muhammad sagt, Er gebiete ihm das, was Er zuvor Noah, Abraham, Mose und Jesus geboten habe, ergibt sich das Unveränderliche im Islam, das auch in den früheren Religionen schon vorhanden war. Die verschiedenen Ausprägungen der Scharia hingegen, über die es im Koran heißt, sie stellten jeweils auf ihre Weise ein wahrheitsgetreues Abbild der einen Religion dar (5 / 48), spiegeln den Willen Gottes im historischen Kontext wider. Die Dynamik des göttlichen Willens ist aber auch den sich wandelnden menschlichen Bedürfnissen (maslaha) geschuldet. So ist beispielsweise überliefert, dass der Kalif Umar (634  644), geleitet von der Einsicht in die Wandelbarkeit der Scharia, die im Koran vorgesehene Strafe des Handabhackens (5 / 38) bei einem Dieb nicht vollziehen ließ.

Abschließend ist zu sagen, dass die Interpretation der Scharia, die vor Jahrhunderten von den Begründern des islamischen Rechts vorgelegt wurde, in der heutigen Zeit aufgrund anderer Gegebenheiten für andere Auffassungen seitens der Rechtsgelehrten offen ist. Da der rechtliche Teil der Scharia neuen Interpretationen gegenüber offen ist, dürfen Scharia und säkulares Recht nicht als sich gegenseitig ausschließende Alternativen verstanden werden.

İbrahim Aslan

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