Scheidung (isl.)

 
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(arab. Talaq, Khul, Faskh, türk. Boşanma)

Scheidung ist die Auflösung eines zwischen Ehepartnern bestehenden Ehevertrages, aus welchem Grund auch immer sie erfolgt. Dabei geht man grundsätzlich davon aus, dass die Ehe ein Leben lang bestehen bleibt, die Partner sich gemeinsam den Widrigkeiten des Lebens stellen, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenhalten, Freud und Leid miteinander teilen und die Familie als einen Ort gestalten, der Schutz und emotionale Wärme bietet. Aus dieser Sicht stellt Scheidung einen Sonderfall dar. Daher wird die Beendigung einer Ehe ohne zwingenden Grund und aus reiner Willkür von Gott und dem Propheten Muhammad nicht gutgeheißen.

Der Koran verkündet, dass Männer und Frauen jeweils unterschiedliche Rechte in ihrem Verhältnis zueinander haben (2 / 228). Er ruft dazu auf: »Lebt mit ihnen auf rechtliche Weise! Und wenn ihr Abscheu gegen sie empfindet, dann ist es vielleicht so, dass ihr etwas verabscheut, in das Gott jedoch viel Gutes legte« (4 / 19). In diesem Koranvers wird gefordert, in schwierigen Zeiten Geduld an den Tag zu legen und nicht sofort den Weg einer Scheidung einzuschlagen. In einem anderen Vers wird empfohlen, im Falle von Streitigkeiten jeweils einen Schlichter aus den beiden Familien der Ehepartner zu bestimmen, um das Problem zu lösen (4 / 35). Auch Muhammad hat mit den Worten »Das Unschönste unter den durch Gott für zulässig erklärten Dingen ist die Scheidung« (s. Abu Dawud) zum Ausdruck gebracht, dass er willkürliche Scheidungen missbilligte. Im Falle nicht tolerierbarer Umstände, wie etwa unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten, Unzucht oder Übeltaten, kann eine Scheidung unumgänglich sein.

In der islamischen Rechtswissenschaft basieren die auf Scheidung bezüglichen Termini ebenso wie die entsprechende Praxis größtenteils noch auf dem vorislamischen arabischen Gewohnheitsrecht. In jener Zeit war es Sitte und Praxis, dass der Ehemann das Recht auf Scheidung besaß und sich nach dreimaliger verbaler Verstoßung (talaq) endgültig von seiner Frau trennen konnte. Es war auch Sitte, dass eine Frau ihren früheren Ehemann nicht ohne Weiteres wieder heiraten konnte. Sie musste zuerst einen anderen Mann heiraten. Erst nach Auflösung auch dieser Ehe war eine Wiederverheiratung mit dem früheren Ehemann wieder möglich.

Der Koran brachte neue Vorschriften, um diesbezüglichen unrechtmäßigen Praktiken und Fällen von Ausnutzung vorzubeugen; beispielsweise beschränkte er das in der vorislamischen Gesellschaft gängige Recht, dem zufolge ein Mann sich willkürlich scheiden lassen, aber dieselbe Frau erneut heiraten konnte (2 / 231). Der Koran verkündet, dass ein Mann das Recht auf höchstens zwei Scheidungen und zwei neue Verehelichungen hat (2 / 229). Nach der islamischen Rechtswissenschaft ist der Mann für die Führung der Familie, ihren Unterhalt und Schutz verantwortlich. Daher wird er auch als derjenige angesehen, der die Befugnis zur Scheidung besitzt. Allerdings kann nicht behauptet werden, dass dies eine Verfahrensweise sei, die dauerhaft praktiziert werden müsse. Darüber hinaus verlangt z. B. der Koran bei einer Scheidung zwei gerechte Zeugen (65 / 2). Islamische Gelehrte haben in diesem Zusammenhang die Ansicht vertreten, dass Zeugen bei einer Scheidung nicht zwingend erforderlich seien.

Im Falle einer Scheidung gibt es nicht nur eine einzige Verfahrensweise. Dennoch machen die oben genannten koranischen Verse und die Aussage Muhammads zur Scheidung deutlich, dass Gerechtigkeit gegenüber der Willkür walten soll und die Rechte beider Seiten auf die bestmögliche Weise zu wahren sind. Wenn man Veränderungen in den Familien- und Gesellschaftsstrukturen berücksichtigt, ist es angemessen und entspricht auch eher dem Rechts- und Gerechtigkeitsverständnis des Islams, traditionelle Verfahrensweisen der islamischen Rechtswissenschaft bei der Scheidung aufzugeben und neue Regelungen einzuführen, durch die die Rechte beider Partner bestmöglich geschützt werden.

İsmail Hakkı Ünal

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