Schura (isl.)

 
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(arab. Schura, türk. Şura)

Schura bezeichnet sowohl die Beratung über eine Angelegenheit als auch das Gremium, das berät und entscheidet. In diesem Sinne ist Schura die Vorgehensweise zur gemeinsamen Konsensfindung in Angelegenheiten, die mehr als eine Person betreffen. Die gemeinsame Beratung beschleunigt die Wahrheitsfindung und trägt dazu bei, dass jeder das Ergebnis von der Vernunft her nachvollziehen kann. Es ist überliefert, dass der Vers »deren Richtschnur gegenseitige Beratung ist« (42 / 38) offenbart wurde, um die medinensischen Muslime zu loben, die in Abwesenheit des Propheten Muhammad einen Beschluss nach vorangegangener Diskussion gefasst hatten. Auch die Anweisung »Berate dich mit ihnen in der Sache« (3 / 159) fordert dazu auf, diese Praxis des Propheten zu verallgemeinern.

Es ist überliefert, dass der Prophet sich in Sachen Gesellschaft und Politik stets mit anderen beriet; ausgenommen davon blieben nur spezifisch religiöse Fragen (ibada) (s. Tirmidhi). Nach seinem Tod wurde das Prinzip, durch gemeinsame Beratung gesellschaftliche Probleme zu lösen, aufgegeben; stattdessen entwickelten sich aus Einzelinitiativen, die von Stammesinteressen geleitet waren, Zwangsregime. Die Abkehr von der Schura führte zu diversen politischen Parteiungen und Bürgerkriegen in der islamischen Geschichte.

Unter dem Druck einflussreicher gesellschaftlicher Gruppen nahm das Beratungsprinzip im Lauf der Zeit höchst unterschiedliche Formen an. Manchmal bestand das Beratungsgremium aus Führungspersonen, Verwaltungsbeamten, Heeresführern und Gelehrten, manchmal nur aus Gelehrten. Beispielsweise wurden während der abbasidischen Periode im Irak, in der Provinz Chorasan und in Ägypten Beratungsgremien zusammengerufen.

Politisch betrachtet ist die Schura jenes ordnende Prinzip, aufgrund dessen Staatsführer gewählt und während einer Regierungsphase gesellschaftliche Angelegenheiten durch ein Beratungsgremium geregelt werden. Um eine politische Kultur zu entwickeln, bietet die Schura eine überaus geeignete Formel an. Anstatt Schura aufgrund sprachwissenschaftlicher und damit letztlich unhistorischer Lesart des Korans unmittelbar mit Demokratie gleichzusetzen, wäre der bessere Ansatz, Schura im Zusammenhang mit den Grundzielen einer islamischen Rechtsordnung und Regierung zu betrachten, nämlich Gerechtigkeit, Billigkeit, Transparenz, Toleranz, Freiwilligkeit, gegenseitigem Respekt und Rechtssicherheit. Dass dem Propheten von Gott befohlen wurde, die Menschen um Rat zu bitten, und zwar zu einer Zeit, als er Offenbarungen erhielt und als Autorität anerkannt war, zeigt, dass mithilfe der Schura grundlegende Prinzipien für das Zusammenleben geschaffen werden sollten, um die Entstehung von persönlicher oder institutionalisierter Gewaltherrschaft zu verhindern. Die Schura ist ein Prinzip, das in islamischen Gesellschaften das Mitspracherecht aller anerkennt und es den verschiedenen Gruppen ermöglicht, in sozialen und administrativen Angelegenheiten ihre Forderungen zur Geltung zu bringen. Heutzutage bilden Parlamente, Kommunalräte, breit angelegte Diskussionsforen in manchen islamischen Ländern sowie in Deutschland die Gremien der Muslime Beispiele für Schura.

Şaban Ali Düzgün

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