Staat (isl.)

 
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(arab. Daula, türk. Devlet)

In Mekka, wo Muhammad 13 Jahre als Prophet wirkte, herrschte unter den Stämmen ein politisches System, das auf einer Politik des Gleichgewichts basierte. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen Staat im modernen Sinne. Im Vordergrund stand vielmehr ein an den Traditionen orientiertes Sicherheitsdenken, welches das soziale Leben in Mekka prägte und bei dem der Handel im Vordergrund stand.

Die Koranverse, die Muhammad in Mekka offenbart wurden, waren hauptsächlich dazu bestimmt, Licht in die Glaubenswelt der Menschen zu bringen. Zu jener Zeit war man darum bemüht, ein auf der Einsheit Gottes gründendes Religionsverständnis zu verbreiten. Während der medinensischen Periode übernahm Muhammad schließlich neben seiner Rolle als Prophet noch ein politisches Amt, welches man als das eines Staatsoberhauptes bezeichnen könnte. Muhammad schloss einen Vertrag mit den unterschiedlichen Stämmen in Medina. Darin wurde das gemeinschaftliche Leben geregelt. Er ging unter der Bezeichnung Abkommen von Medina in die Geschichte ein.

In diesem Vertrag sind die Grundprinzipien dargelegt, die erfüllt sein müssen, um ein von Gerechtigkeit und Sicherheit geprägtes Zusammenleben der Angehörigen unterschiedlicher Religionen oder Ethnien in der Gesellschaft Medinas zu ermöglichen. Hier zeigte sich die Entstehung eines Kernstaates unter der Führung von Muhammad, denn es waren eine bestimmte Zahl von Mitgliedern einer Gesellschaft, ein fest umrissenes Territorium und eine politische Autorität vorhanden. Die Schließung von Abkommen mit anderen Staaten, die Rekrutierung von Soldaten, die zunehmende Verbindlichkeit eines Rechtssystems und sogar die Erhebung einer Art von Steuer sind Indikatoren für eine politisch motivierte Strukturierung.

Der Koran zielt auf eine Gesellschaft aus Individuen hin, deren wichtigstes Anliegen Gerechtigkeit ist. Er schlägt jedoch kein bestimmtes Staatsmodell vor, um dieses Ziel zu erreichen. Dies zeigt, dass politische Angelegenheiten im Hinblick auf bestimmte Prinzipien den Menschen überlassen werden. Dazu zählen vor allem die Wahrung der Gerechtigkeit und die Abwicklung der Staatsgeschäfte durch kompetente Personen nach vorangegangener Aussprache.

Um Gerechtigkeit gewährleisten zu können, bedarf es eines funktionierenden Rechtssystems. Unter diesem Gesichtspunkt könnten die Koranverse, von denen man annimmt, dass sie einen Rechtsbezug haben, nicht nur wörtlich wie ein rechtlicher Text aufgefasst, sondern als die ersten Bemühungen um Schaffung einer rechtlichen Basis für die Gesellschaft verstanden werden. Auch wenn die Aussagen im Koran diesbezüglich nicht explizit sind, so weisen sie doch auf die Tatsache hin, dass eine Gemeinschaft ohne Staat dauerhaft nicht bestehen kann.

Analysiert man sorgfältig die Ereignisse, die sich nach dem Tode Muhammads zugetragen haben, so ist festzustellen, dass politische Angelegenheiten und deren Wahrnehmung gemäß damaligen Traditionen, Konventionen und Bedürfnissen den Menschen überlassen worden sind. Zu Nachfolgern des Propheten (Kalifen) wurde folgende Personen bestimmt: Abu Bakr (632  34) aufgrund der Stimmenmehrheit der Gefährten Muhammads, Umar (634  44) auf Abu Bakrs Empfehlung hin, Uthman (644  56) auf Beschluss eines Wahlausschusses und Ali (656  61) aufgrund der Stimmenmehrheit der Muslime.

Es ist festzustellen, dass nicht nur in der Vergangenheit von Muslimen gegründete Staaten teilweise oder zur Gänze gemäß religiösen Vorschriften gestaltet worden sind. Erst in der Moderne veranlasste die Konfrontation mit dem Laizismus muslimische Intellektuelle zu neuen Überlegungen bezüglich dieser Thematik. Manche muslimische Intellektuellen (z. B. Muhammad Arkoun, 1928  2010) vertreten die Ansicht, Staat und Religion seien voneinander zu trennen, ohne dass dabei die koranischen Grundprinzipien aus den Augen verloren werden.

Hasan Onat

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