Unsterblichkeit (isl.)

 
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(arab. Khulud, türk. Ölümsüzlük)

Die nach islamischer Vorstellung wohl gängigste Vorstellung bezüglich der Unsterblichkeit ist die, dass dem vergänglichen Leben auf Erden das ewige Leben im Jenseits gegenübersteht. Dem Koran zufolge markiert der Tod für den Menschen das Ende des irdischen Lebens. »Jede Seele bekommt den Tod zu schmecken« (3 / 185). Niemandem wurde ein ewiges Leben oder Unsterblichkeit auf dieser Welt versprochen. Da der Sinn des irdischen Lebens auf das ewige Jenseits ausgerichtet ist, ist das vergängliche Leben im Grunde eine Prüfung, bei der der Mensch zwischen Gut und Böse zu wählen hat (21 / 34  35). Auch wenn wohl interpretierbar bleibt, was genau die Ewigkeit bzw. Unendlichkeit des Jenseits bedeutet, erscheint sowohl den Bewohnern des Paradieses als auch denen der Hölle ein solches Leben unendlich. Im Koran stellt der Glaube an das Jenseits einen grundlegenden Wert dar, der häufig erwähnt wird. Die Unsterblichkeit als ein Bestandteil des jenseitigen Lebens, das mit der Wiederauferstehung, dem Endgericht sowie dementsprechender Belohnung oder Bestrafung einhergeht und sowohl die guten als auch die bösen Menschen betrifft, ist als solche kein Wert und wird nicht eigens erlangt. Doch kann man die koranische Lehre von der Unsterblichkeit nicht im Sinne einer Unsterblichkeit allein der Seele interpretieren, wenn man berücksichtigt, dass der Jüngste Tag, der in gewisser Hinsicht den Anfang des Lebens im Jenseits markiert, die Wiederauferstehung des Leibes bedeutet.

In Bezug auf die Möglichkeit der Wiederauferstehung des Leibes weist der Koran mögliche Zweifel ganz klar zurück und betont, dass Gott, der bereits einmal alle Dinge aus dem Nichts erschuf, die Macht besitzt, den zerfallenen Leib des Menschen von Neuem zum Leben zu erwecken (36 / 78  83). Symbolisch ausgedrückt bedeutet dies, dass Gott, genau wie Er die Erde nach ihrem Untergang zu beleben vermag, auch die verwesten, zu Erde gewordenen Körper der Menschen neu erschaffen kann; denn im Koran heißt es: »Er bringt aus dem Toten das Lebende hervor und aus dem Lebenden das Tote« (30 / 19).

Im Gegensatz dazu enthält der Koran keine ebenso eindeutige Lehre bezüglich des Wesens und der Unsterblichkeit der Seele. Auch wenn es heißt, dass es eine Seele gibt und Gott diese dem Menschen eingehaucht hat, so wird auch betont, dass das menschliche Wissen im Hinblick auf die Frage, was denn ihr Wesen sei, beschränkt ist (38 / 72; 17 / 85). Dieser Umstand führte im islamischen Denken zur Herausbildung unterschiedlicher Ansichten, vom dualistischen Ansatz, der auf der Annahme beruht, dass die Seele eine nichtstoffliche Substanz sei, bis hin zur Annahme einer materiellen Seele. Während beispielsweise Philosophen wie Ibn Sina (Avicenna; gest. 1037) die Ansicht vertraten, dass die Seele eigenständig, vom Körper unabhängig und immateriell sei, waren einige Theologen der Auffassung, dass die Seele aus subtiler Materie (al-dschism al-latif) bestünde. Al-Ghazali (Algazel; gest. 1111) dagegen fügte den philosophischen Begründungen noch eine theologische hinzu, nämlich dass die Seele nicht materiell sein könne, da sie von Gott geschaffen worden sei. Deshalb geht es in den Auseinandersetzungen al-Ghazalis mit den Philosophen nicht darum, ob die Seele eine vom Körper unabhängige Substanz sei, sondern, ob das Leben nach dem Tode eine körperliche Existenz beinhalte oder nicht. Al-Ghazali vertritt insgesamt die Ansicht, dass kein philosophischer Beweis die eindeutig im Koran enthaltene Möglichkeit der Wiederauferstehung des Leibes widerlegen könne. Unter Berücksichtigung all dieser Gegebenheiten kann der aus islamischer Sicht am plausibelsten erscheinende Ansatz so zusammengefasst werden, dass die Seele im Tod vom Körper getrennt wird und sich bei ihrer Auferweckung im Jenseits wieder mit ihm vereint.

Mehmet Sait Reçber

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