Wahrheit (isl.)

 
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(arab. Haqiqa, türk. Hakikat)

Wahrheit bedeutet im Islam im allgemeinen Sinne, Wirklichkeit zu bezeugen und sie auszusprechen. Anstelle des Begriffs Wahrheit (haqiqa) kommt im Koran »der Wahre« (al-Haqq) als einer der Schönen Namen Gottes vor. Da der Begriff »der Wahre« sowohl »Wirklichkeit« (22 / 6, 62) als auch »Wahrhaftigkeit« (17 / 81) umfasst, hat er einen viel weiteren Begriffsumfang als nur Richtigkeit im Sinne von Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit. Die Begriffe Wahrheit und der Wahre stehen in einem semantischen bzw. epistemologischen Zusammenhang.

Der Islam geht von einem auf die Wirklichkeit bezogenen Verständnis von Wahrheit aus, das potenziell auch die Kenntnis einer metaphysischen Wirklichkeit einschließt. Insofern muss Wahrheit nicht auf physische oder empirische Wissensbereiche beschränkt bleiben. Vielmehr können Themen wie Gott, Ethik, Jenseits, Auferstehung, Strafe oder Belohnung ganz realistisch zum Gegenstand des Wissens gemacht werden. In diesem Zusammenhang behauptet Realismus, dass dem metaphysischen Bereich Wirklichkeit zukommt; d. h., die Richtigkeit einer Annahme kann nie unabhängig von der ontologischen Ebene gedacht werden. So wie die Behauptung »Die Welt existiert« für ihre Wahrheit eine von der Sprache und vom Geist unabhängige Realität voraussetzt, ist auch die Behauptung »Gott existiert und ist einzig« nur unter der Voraussetzung richtig, dass Gott existiert und einzig ist. Folglich ist nach dieser Auffassung von Wahrheit eine Aussage nur dann objektiv richtig, wenn sie von der Realitätsebene, auf die sie sich bezieht, bestätigt wird.

Nach islamischem Verständnis darf Wahrheit auch nicht mit dem gleichgesetzt werden, was das fehlbare und begrenzte Wissen des Menschen zu erkennen vermag. Auch wenn die Wahrheit bzw. das gesamte Ensemble der Wahrheiten der menschlichen Erkenntnis teilweise zugänglich ist, so gibt es doch Wahrheiten, die die menschliche Erkenntnis übersteigen. Während einerseits also die Möglichkeit einer erkenntnismäßigen Erreichbarkeit von Wahrheit für den Menschen real gewahrt bleibt, wird andererseits nicht behauptet, dass der Mensch sie jederzeit richtig erfasst oder dass sein Wissen alles Wirkliche umfassen kann. Denn das endgültige Maß von Wahrheit ist nicht das mit Fehlern behaftete und begrenzte menschliche Wissen, sondern das unfehlbare und unbegrenzte Wissen Gottes. So besteht im Islam zwischen dem Namen Gott als der Wahre (al-Haqq) und Wahrheit (haqiqa) eine notwendige Beziehung.

Demgegenüber ist Offenbarung eine Bekundung der Barmherzigkeit Gottes, der dem fehlbaren und bei der Erkenntnis der Wahrheit eingeschränkten Menschen den rechten Weg zeigt. Da Offenbarung eine von Gott ausgehende Gesamtheit von Wahrheiten ist, die die Menschen nachdrücklich dazu auffordert, ihre Vernunft einzusetzen, ist sie prinzipiell keine die Vernunft übersteigende oder ihr widersprechende Quelle der Wahrheit.

Mehmet Sait Reçber

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