Willensfreiheit (chr.)

 
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(türk. İrade Özgürlüğü)

Die philosophische Tradition unterscheidet Intellekt und Wille als die beiden Weisen des menschlichen Selbstvollzuges. Während der Intellekt auf die theoretische Erkenntnis der Wahrheit ausgerichtet ist, intendiert der Wille das praktische Erstreben des Guten. Weil der Mensch mithilfe seines Intellekts erkennen kann, was das richtige Ziel seines Handelns ist, vermag er, seinen Willen selbständig auf das Gute hin auszurichten. Der Wille des Menschen ist weder durch Instinkt vorherbestimmt, noch darf er durch äußere Autorität oder gar Zwang seiner Freiheit beraubt werden. Diese philosophische Auffassung fand im jüdischen und christlichen Glauben eine tiefere Begründung. Vernunft und freier Wille erhalten ihre theologische Legitimation im Gedanken, dass der Mensch von seiner Erschaffung her das Ebenbild Gottes ist (Gen 1,26) und durch das Erlösungswerk Jesu Christi zur »Freiheit der Kinder Gottes« (Röm 8,15) erhoben wurde (theonome Autonomie des Menschen). Die zahlreichen Verbote und Gebote, die sich im Alten Testament vom Schöpfungsbericht an (zusammengefasst im Dekalog der Zehn Gebote) finden und im neutestamentlichen Liebesgebot kulminieren, und selbst die theologische Kategorie der Sünde setzten die Auffassung des Menschen als Wesen voraus, das sein Handeln in Freiheit selbst vor Gott verantworten kann und muss. Von Thomas von Aquin (1225  1274) stammt der Gedanke, dass erst die (im christlichen Glauben angenommene) unbedingte Ausrichtung des Menschen auf Gott als das absolute und höchste Gut den Menschen in die Lage versetzt, in Bezug auf die endlichen, partikularen und weltlichen Güter frei wählen zu können. Im Rückgriff auf Gedanken des Augustinus (354  430) lehrte Martin Luther (1483  1546), dass die in der Schöpfung dem Menschen von Gott gegebene Willensfreiheit durch den Sündenfall dermaßen verdorben worden sei, dass der Mensch zwar noch in weltlichen Dingen frei entscheiden könne, die Gerechtigkeit vor Gott aber nicht mehr durch die freie Bewegung der eigenen Willenskräfte zu erlangen vermag, sondern allein durch die Gnade Gottes. Sowohl der katholische Kirchenlehrer Thomas von Aquin als auch der protestantische Reformator Luther halten aber entschieden an der Auffassung fest, dass das subjektive Gewissen des Einzelnen die oberste Instanz für die Bestimmung der menschlichen Handlungen und ihrer moralischen Qualität ist. Durch diese Rückgründung in der Gewissensfreiheit unterscheidet sich die Willensfreiheit von der subjektiven Willkür.

Martin Thurner

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