Absolutheitsanspruch (chr.)

 

(türk. Mutlakiyet Hakkı)

Der Absolutheitsanspruch besteht in der Überzeugung, dass das Christentum der unüberbietbare Höhepunkt und die Vollendung der Religionsgeschichte ist. Alle anderen Religionen sind entweder überwundene Vorstufen oder Neubildungen durch Abfall vom Christentum. Das Christentum hat jedenfalls von den Religionen nichts zu lernen, hat sein Wesen losgelöst von ihnen und ist in diesem Sinne absolut.

Diese Theorie wurde ausgebildet in der sogenannten Liberalen (protestantischen) Theologie in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s. Ihre Vertreter glaubten, diese Theorie auch und gerade historisch, also im religionsgeschichtlichen Vergleich, beweisen zu können. Die katholische Kirche und Theologie hat sich an dieser Diskussion nicht beteiligt. Sie war ohne Selbstzweifel aus dogmatischen Gründen überzeugt, dass nicht nur die christliche Religion überhaupt, sondern die römisch-katholische Kirche die allein wahre Kirche Jesu Christi und als solche der Höhepunkt und der Abschluss der Religionsgeschichte sei. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s und dann besonders im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) kommt das Thema des Absolutheitsanspruchs wieder auf die Tagesordnung, jetzt aber, im Zeichen des interreligiösen Dialogs, als abschreckendes Beispiel. Während die evangelische Theologie gelegentlich von der Versuchung befallen wird, alle Religionen prinzipiell als gleichberechtigte Wege zum Heil gelten zu lassen (pluralistische Religionstheologie), sucht die katholische Theologie im Anschluss an die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nach der Möglichkeit, Wahrheit Gottes in den Religionen anzuerkennen, in ihrem Licht den eigenen Glauben besser zu verstehen und die Möglichkeiten der Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt wahrzunehmen.

Realistisch ist festzuhalten: Jeder Glaubende, der fest von seiner Religion überzeugt ist, tut dies mit einem subjektiven Absolutheitsanspruch, das heißt: Er/Sie hält die eigene Religion für die unüberbietbare Wahrheit und ist nicht bereit, diesen Anspruch in einem interreligiösen Dialog auch nur vorläufig aufzugeben. Beim Stichwort Absolutheitsanspruch kann es also nur um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines objektiven Anspruchs gehen. Darüber kann trotz aller subjektiven Glaubensfestigkeit mit Argumenten gestritten werden – zum Beispiel, wer das plausiblere Bild von Gott oder die menschlich mehr einleuchtende Antwort auf Ursprung und Überwindung des Leidens hat. Da aber der Glaube immer eine unerzwingbare freie Tat des vertrauenden Herzens und des zustimmenden Verstandes ist, ist ein objektiver Absolutheitsanspruch, der auch jenseits der Glaubenszustimmung argumentativ bewiesen werden könnte, seiner Natur nach unmöglich. Möglich ist nach weithin übereinstimmender Auffassung heutiger Theologie in allen Kirchen immer nur das durchdachte, geprüfte, auch durch Anfechtung und Zweifel gehärtete Urteil: »Ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe« (2 Tim 1,12).

Otto Hermann Pesch

Aufklärung (chr.)

 

(türk. Aydınlanma)

Unter Aufklärung wird zunächst eine Strömung in der europäischen Geistesgeschichte des 17. und 18. Jh.s verstanden, in einem weiteren Sinne aber auch deren bleibender Grundgedanke, den es in Ansätzen auch schon in vorausgehenden Epochen und anderen Kulturkreisen gab (z.B. in der islamischen Welt). Die europäische Aufklärung entstand zunächst in England und Frankreich aus den dort schon in der Philosophie bestehenden empiristischen (John Locke [1632–1704], David Hume [1711–1776]) und rationalistischen (René Descartes [1596–1650]) Ansätzen. Immanuel Kant (1724–1804) definiert die Aufklärung als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit«, der dem Menschen durch den »Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen« möglich ist (Preisschrift Was ist Aufklärung von 1784). Anspruch und Ziel der Aufklärung ist es also, alle (traditionell) bestehenden Anforderungen von theoretischen Wahrheiten, praktischen Normen, weltlicher Macht und religiöser Autorität von den Kriterien der menschlichen Rationalität her zu rechtfertigen, zu kritisieren und, wo als nötig erachtet, auch zu destruieren. Insofern die Aufklärung damit eine Befreiung des Menschen auf der Grundlage seiner natürlichen Vernunftausstattung intendiert, hat sie durchaus ein mit dem christlichen Menschenbild gemeinsames Anliegen. Auch nach christlicher Auffassung besteht die Gottebenbildlichkeit des Menschen in seiner Vernunft und seinem freien Willen, die durch die Sünde zwar geschwächt, aber nicht völlig zerstört sind. Anfangs gab es von christlicher Seite her starke Widerstände gegen die Aufklärung. Der Widerstand des Christentums gegen die Aufklärung war und ist daher vielfach auch gegen christliche Grundprinzipien gerichtet, die häufig auch von der Absicht des kirchlichen Machtund Autoritätserhaltes her motiviert waren. Von der positiven Wertung der menschlichen Vernunft her ist die Aufklärung eher im Einklang mit dem Christentum. Die christliche Theologie hat spät, aber nachhaltig von einer positiven Auseinandersetzung mit den zunächst erbittert bekämpften Errungenschaften der Aufklärung profitiert. Freilich kann und soll andererseits auch der oft zu einseitig auf rationales Begreifen eingeengte Vernunftbegriff der klassischen Aufklärung vom Christentum her kritisch bereichert werden. Im Unterschied zur Position der Aufklärung ist nach christlicher Auffassung die menschliche Vernunft durchaus offen für die emotionalen Grunderfahrungen des Lebens und (an-) erkennt in der Unbegreiflichkeit Gottes die Grenze ihrer Fähigkeiten. In Abgrenzung zur deistischen Position mancher Denker der Aufklärung erlangt der Mensch nach christlichem Glauben die Freiheit seiner Vernunft nicht, wenn Gott den Menschen sich selbst überlässt und sich nicht mehr um ihn kümmert, sondern nur in der stetigen dialogisch-personalen Beziehung zu Gott.

Martin Thurner

Blasphemie (chr.)

 

(türk. Blasfemi/Kutsala Hakaret)

Unter Blasphemie versteht man die bewusst mit verunglimpfender Intention vorgenommene Herabwürdigung oder gar Schmähung Gottes, seines Namens oder auch jener Gedanken, Worte und Gegenstände, die am Bereich seiner Heiligkeit besonderen Anteil haben (z. B. heilige Schriften, Glaubenssätze, Riten, Kultgegenstände, Kirchen, Sakramente). Im jüdisch-christlichen Bereich wiegt Blasphemie nicht zuletzt deshalb besonders schwer, weil sie als Verstoß gegen das zweite Gebot des Dekaloges betrachtet wird (Ex 20,7: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht«; vgl. auch Dtn 5,11). Das destruktive Potenzial blasphemischer Akte findet seinen Grund primär darin, dass der Mensch im Vollzug der Lästerung sich selbst hochmütig nicht nur über seine religiösen Mitmenschen, sondern auch über Gott erhebt und dadurch die Schöpfungsordnung pervertiert. Blasphemie ist so im Kern eine Negierung der eigenen Endlichkeit. Daraus resultiert auch die massive soziale Wirksamkeit der Blasphemie als Beleidigung und Verletzung von religiösen Gefühlen der Gläubigen. Gerade im sozialen Kontext gilt es aber zu unterscheiden, welche Absicht hinter einer als blasphemisch empfundenen Aussage tatsächlich steht. Zum einen kann hinter der Relativierung einer fremden Religion nur die Intention stehen, die Besonderheit und Größe des eigenen Glaubens nach innen hin deutlich zu machen, ohne dabei die Anhänger fremder Religionen unmittelbar zu adressieren; in diesem Sinne findet sich schon im Alten Testament die Benennung der Götter der anderen Religionen als »Götzen« (z. B. Ps 135,15). Freilich sollte von solchen Formen der religiösen Selbstdarstellung im gegenwärtigen Zeitalter der globalen Kommunikation definitiv Abstand genommen werden, weil deren Außenwirkung missverständlich werden und fatale Folgen haben kann. Vor allem im künstlerischen Bereich können blasphemische Elemente den religiösen Menschen dazu aufrütteln, über die zur Routine gewordenen Inhalte seines Glaubens neu nachzudenken oder missbräuchliche Anwendungen der Religion als solche zu erkennen. In diesem Sinne wird Blasphemie zum Grenzfall einer legitimen Religionskritik. Nicht zu rechtfertigen sind Formen von Blasphemie, die von vornherein allein zur Herabwürdigung gläubiger Menschen dienen. In diesem Fall stellt sich die Frage, wie ein gläubiger Christ auf eine solche Art rein negativer Blasphemie reagieren soll. Nach dem Vorbild Jesu, an den selbst im Zusammenhang mit seinem Selbstverständnis als Messias der Vorwurf der Gotteslästerung herangetragen wurde (Mk 14,60  65), sollten blasphemische Angriffe keinesfalls erwidert, sondern im Gegenteil mit Feindesliebe (Mt 5,44) beantwortet werden. Deshalb steht, wie bereits im Alten Testament gesagt wurde, eine eventuelle Bestrafung der Blasphemie allein Gott zu.

Martin Thurner

Christentum (chr.)

 

(türk. Hıristiyanlık)

Christentum ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl von Richtungen (Kirchen, Sekten, Denominationen), die sich alle trotz ihrer unterschiedlichen Lehren und Organisationsstrukturen auf Jesus Christus als Bezugspunkt und Religionsstifter berufen. Alle zusammen haben heute etwa zwei Milliarden Gläubige.

Genau genommen beginnt die Geschichte des Christentums erst nach dem Tode Jesu im Jahre 30 oder 33 nC., als jüdische Jesusanhänger verkünden, dass der unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus (reg. 26  36) auf Betreiben jüdischer Kreise in Jerusalem zum Tode verurteilte und am Kreuz (Galgen) gestorbene Jesus von Nazaret von Gott zu neuem Leben erweckt wurde und lebt sowie dass er der vom Judentum erwartete Messias war, der wiederkommen wird am Ende der Zeiten, um zu richten die Lebenden und die Toten. So fest glaubten die Anhänger Jesu daran, dass sie diese Botschaft im ganzen Römischen Reich verkündeten und, wenn nötig, dafür sogar den Märtyrertod starben.

Die Botschaft fand rasch unter den Juden im ganzen Römischen Reich Anhängerinnen und Anhänger. Bald kamen auch Nichtjuden, Heiden, hinzu und wollten in die Gemeinschaft der an Jesus als Messias Glaubenden aufgenommen werden. Über die Frage, ob diese vom Heidentum zu Jesus Christus (d. i. der Messias) Bekehrten beschnitten werden und die jüdischen Speisevorschriften einhalten mussten, kam es zum offenen Streit unter den engsten Vertrauten Jesu (den Aposteln). Bei einer Versammlung dieser Vertrauten, dem sog. Apostelkonzil (ca. 50 nC.), konnte Paulus erreichen, dass die Heidenchristen nicht beschnitten zu werden brauchten, auch galten für sie die jüdischen Speisevorschriften nicht. Damit war ein erster Schritt der Loslösung der Jesusbewegung vom Judentum getan. Weitere Schritte folgten nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 nC. Es kam zu einer Art Erbaufteilung der Religion des alten Israel in das Judentum und das Christentum: Das Judentum entwickelte sich zu einer reinen Laienreligion ohne Tempelkult und Priesterschaft, wurde ethnisch semitisch mit der hebr. Bibel als Heiliger Schrift, verlegte sich weniger auf Philosophie als auf Orthopraxie und hörte auf zu missionieren; das Christentum setzte die kultische Tradition des alten Israel unter einer hierarchisch gegliederten Priesterschaft fort, verwendete Koine-Griechisch als Kultsprache, las die jüdische Bibel in der griechischen Übersetzung der Septuaginta, integrierte die griechische Philosophie einschließlich ihres jüdischen Vertreters Philo von Alexandrien (ca. 20 / 10 vC.–40 / 50 nC.), eines Zeitgenossen Jesu, und ist missionarisch tätig. Man verzichtet auf die weitere Teilnahme am Synagogengottesdienst und wird zu einer eigenständigen Weltreligion.

Auslegungen zum Leben und der Deutung Jesu und seiner Lehre führen zu einem festen Kanon wegweisender Schriften, die als Neues Testament zusammen mit der Septuaginta (d. h. dem Alten Testament) von nun an die christliche Bibel bilden. Die Vielzahl der Jesusdeutungen führt zu widersprüchlichen Aussagen. Eine Klärung wird notwendig. Kaiser Konstantin (reg. 306  337), der das Christentum als erlaubte Religion im Römischen Reich zulässt, beruft eine Versammlung aller Bischöfe ein, um eine Entscheidung herbeizuführen. Die einen (Athanasius [295  373] und seine Gefolgsleute) glauben, Jesus stehe auf einer Stufe mit Gott, die anderen (Arius [260  336] und seine Anhänger) sagen, er stehe zwar in der Schöpfung ganz oben, sei aber nicht vom selben Rang wie Gott. Die Richtung des Athanasius setzt sich durch und Arius wird als Irrlehrer verurteilt. Es kommt daher in der Folgezeit zu einer folgenschweren Spaltung innerhalb des Christentums: Auf der einen Seite steht die Mehrheit des Konzils von Nikaia/Nizäa (325 nC.), auf der anderen sind die Gegner in Anlehnung an Arius. Sie bilden in der Folgezeit die verschiedenen christlichen Kirchen des Orients (z. B. die armenische, die syrische, die chaldäische, die koptische), während die Kaiserlichen ihre Lehre weiterentwickeln zu einem trinitarischen Gottesverständnis (Vater, Sohn, Heiliger Geist), bei dem Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott (d. h. Sohn) bekannt wird. Bald kommt es aber unter den Kaiserlichen aus verschiedenen politischen, sozialen und religiösen Gründen zu großen Spannungen. Die Folge davon ist, dass das Mainstream-Christentum in Europa in einen orthodoxen Osten mit nationalen Kirchen unter der Führung von Patriarchen und einen lateinischen Westen unter der Führung des Bischofs von Rom, des Papstes, zerfällt. Der endgültige Bruch erfolgt 1054, etwa fünf Jahrhunderte nach der ersten großen Spaltung zwischen den Kaiserlichen und den orientalische Kirchen. Weitere fünf Jahrhunderte später kam es innerhalb der lateinischen Kirche zu internen Auseinandersetzungen, nicht zuletzt auch wegen des immer stärker werdenden Führungsanspruches des Papstes in Rom. Die Folge war erneut ein Bruch, aus dem ein stark germanisch geprägtes protestantisches Christentum einerseits und die römisch-katholische Kirche andererseits hervorgegangen sind. Viele deuten diese dritte große Spaltung als Anbruch der Moderne, weil im Protestantismus nun an die Stelle einer hierarchisch gegliederten Priesterschaft mit dem Papst an der Spitze eher protodemokratische Organisationsformen treten, die das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonen und Weihehierarchien generell ablehnen.

Der Anbruch der Moderne zeigt sich auch im Umgang mit der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel und der Christentumsgeschichte. Beides führt allerdings auch im Protestantismus zu internen Auseinandersetzungen, die im Konflikt zwischen Fundamentalisten und Liberalen ihren sichtbarsten Ausdruck finden. Allerdings ist auch die römisch-katholische Kirche von derartigen Entwicklungen nicht verschont geblieben. Beispiele hierfür sind der Modernismusstreit zu Beginn des 20. Jh.s, das Zweite Vatikanische Konzil (1962  1965) und der Umgang damit unter den Päpsten Paul VI. (1963  1978), Johannes Paul II. (1978  2005) und Benedikt XVI. (2005  2013).

Die Auseinandersetzung mit der Moderne bleibt keiner Religion erspart. Sie ist besonders hart innerhalb des Christentums, weil es vor allem in den Ländern tonangebend und beheimatet ist, die an der Spitze der Modernisierungswellen stehen. Dies gilt für den Umgang mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft (z. B. heliozentrisches versus geozentrisches Weltbild, Evolution im Bereich der Biologie), der Psychologie (z. B. Sigmund Freud [1856  1939]), der Ethik (z. B. Sexualität, Gentechnologie, Ökologie) und der Sozialordnung (z. B. Gleichberechtigung der Geschlechter, rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften mit heterosexuellen Ehen).

Es ist schwer vorherzusagen, wie sich das Christentum in Zukunft entwickeln wird. Neben Zeichen des Untergangs gibt es auch solche eines Aufschwunges. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass ganze Christentümer untergegangen sind, andere sind neu dazu gekommen. Gleiches gilt für kontroverse Positionen: Manches Festhalten am Alten hat Überleben garantiert bzw. es in anderen Fällen verhindert. Die Zukunft ist daher offen. Keine heutige Entscheidung wird folgenlos bleiben, doch weiß man meist erst im Nachhinein, was weiterführend gewesen ist und was nicht.

Peter Antes

Demokratie (chr.)

 

(türk. Demokrasi)

Demokratie ist eine Staatsform. Sie leitet die Staatsgewalt vom Staatsvolk ab und übt sie für das Staatsvolk aus. Gesetzgeber und Regierung rechtfertigen ihr Amt durch die Wahl, in der das Staatsvolk unter mindestens zwei Alternativen auswählt, die Mehrheit den Gewählten bestimmt. Der Wahlverlierer ist als Minderheit geschützt, bewahrt gleiche Chancen für die nächste Wahl. Demokratie lebt im institutionellen Gegensatz von Regierung und Opposition.

Eine moderne Demokratie entfaltet sich als parlamentarisch-repräsentative Demokratie, in der das Parlament und die dem Parlament verantwortliche Regierung die Sachfragen für das Volk entscheiden. Eine unmittelbare Entscheidung des Staatsvolkes über Sachfragen (plebiszitäre Demokratie) ist nur in begrenztem Umfang möglich. Die politisch zu entscheidenden Fragen sind meist so komplex, dass sie sich nicht auf eine mit Ja oder Nein beantwortbare Alternative vereinfachen lassen. Bei der Macht moderner Medien entscheidet oft mehr derjenige, der die Fragestellung an das Staatsvolk überbringt, weniger das Staatsvolk selbst. Vor allem aber wird der Schutz der Minderheiten und einzelnen Menschen geschwächt, wenn der demokratische Souverän, das Staatsvolk, unmittelbar selbst entscheidet.

Demokratischer Minderheitenschutz garantiert der parlamentarischen Opposition, auch jeder Partei und jedem Verband eigene Rechte und schützt den einzelnen Menschen in seinen individuellen Menschenrechten. Jeder Mensch darf frei denken und sich frei ausdrücken, durch freie öffentliche Äußerungen Einfluss auf Staat und Gesellschaft nehmen, im Rahmen einer Medienfreiheit frei publizieren und sich aus allgemein zugänglichen Quellen nach Belieben informieren. Auch die Versammlungs- und die Vereinigungsfreiheit stärken den Menschen in gemeinsamer Einwirkung auf den demokratischen Staat.

Diese Grundrechte setzen eine Gewaltenteilung voraus, in der jeder Mensch seine Rechte vor Gericht in Waffengleichheit gegenüber der Staatsgewalt einklagen und staatliche Verletzungen seiner Rechte abwehren kann.

Jede Staatsgewalt trifft auf die Kritik des freien Bürgers, kann Widerstand, auch Aufstand veranlassen. Die Demokratie sucht diesen Gegensatz zwischen Staatsgewalt und Gewaltunterworfenem zu mäßigen, indem sie die Staatsgewalt stetig an das Staatsvolk zurückbindet, den Staat aber auch immer wieder erneuert: Freiheit bietet auch das Recht zum Experiment, zum Ungewohnten, zum bisher nicht Bedachten. Parlamentarismus erwartet – so das Ideal – mit der Neuwahl eines Parlaments bessere Gesetze.

Demokratie baut auf das Staatsvolk, eine Kulturgemeinschaft von Menschen. In einer demokratischen Staatsverfassung verhält sich der Staat zum Staatsvolk wie der Handschuh zur Hand. Der Handschuh liegt schlaff darnieder, bis eine Hand in den Schuh hineinfährt und ihm Beweglichkeit gibt. Die Kunst der Staatsverfassung ist es nun, diesen Handschuh so zu stricken, dass er gegen Verletzungen, Kälte und Nässe schützt, der Hand – dem Staatsvolk – aber nicht die Beweglichkeit und Unternehmungsfreude nimmt.

Die Demokratie kennt so viele Ausprägungen, als Staaten eigene Kulturen entwickeln. Unverzichtbar für eine Demokratie ist das Prinzip der Wahl, der Macht auf Zeit, das Regieren der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheit, die Gewährleistung von Menschenrechten in einem gewaltengeteilten System. Ob die Wahl aber eher dem einzelnen Abgeordneten (Persönlichkeitswahl) oder der Partei (Verhältnismäßigkeit) gilt, hängt von der Eigenart des Staatsvolkes und seiner Kultur ab. Auch das Wahlverfahren, das Nebeneinander von Parlaments- und Präsidentenwahlen, die Möglichkeiten einer parlamentarischen Monarchie kennzeichnen die Vielfalt politischer Kulturen, die sich im Konzept einer Demokratie entwickeln können.

Paul Kirchhof

Ethik (chr.)

 

(türk. Etik)

Ethik ist Reflexionstheorie der Moral. Sie sucht nach einer wissenschaftlich begründeten Antwort auf die Frage: »Was sollen wir tun?« Christliche Ethik versteht die menschliche Erfahrung von Freiheit und von Verantwortung als gleichursprünglich und eng miteinander verknüpft. In der katholischen Theologie hat sich Ende des 19. Jh.s die Differenzierung zwischen Moraltheologie und christlicher Sozialethik/Gesellschaftswissenschaft herausgebildet. Die erste ist wesentlich auf die Differenz zwischen Gut und Böse bezogen. Die zweite auf die Unterscheidung zwischen Gerecht und Ungerecht und damit auf die Gestaltung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen.

Die Konsequenz des christlichen Glaubens an den menschenfreundlichen Gott ist die vorbehaltlose und befreiende Zuwendung zum Nächsten. Der Sinnhorizont des christlichen Verständnisses von Gott, Mensch und Schöpfung fördert ein Ethos gelebter Solidarität und Humanität. Deshalb ist die Kirche als ethische Instanz darauf angelegt, die Menschlichkeit des Menschen zu entdecken und humane Bedingungen für ein gelingendes Zusammenleben zu fördern. Der unbedingte Heilswillen Gottes für alle Menschen und die gesamte Schöpfung begründet nach christlicher Auffassung den Eigenwert des Geschaffenen und die Unbedingtheit der Personwürde, die jedoch im Kontext biologischer und sozialer Bedingtheiten des Lebens eingelöst werden müssen. Die tiefste Begründung für eine zwar christlich geprägte, jedoch zugleich alle Grenzen einer kirchlichen Binnenmoral sprengende Ethik ist der biblische Liebesbegriff: Bejahende Liebe ist nach biblischem Anspruch jedem Menschen bedingungslos zuzusprechen. Nur sie vermag den Menschen in seiner unbedingten Würde wahrzunehmen. In diesem Sinnhorizont kommt jedem Menschen eine unteilbare Würde zu, die unabhängig ist von Religion, Nationalität, Geschlecht und sonstigen Eigenschaften oder Leistungen. Das Spezifische christlicher Ethik zeigt sich deshalb nicht in einer nur für Christen zugänglichen und zu beanspruchenden Begründung von Normen, sondern darin, dass sie auf eine grundlegende Überwindung von Partikularität ausgerichtet ist. Sie richtet sich ihrem eigenen Anspruch nach an alle Menschen und ist daher notwendig im Sinne einer universalen Ethik auszulegen.

Christliche Sozialethik ist der Versuch, auf die Entwicklungsprobleme moderner Gesellschaft mit wissenschaftlicher Methode im Licht des Evangeliums zu antworten. Sie versteht den Glauben als Ermöglichung und Auftrag zur Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Die Einheit von Gottesrecht und Menschenrecht verpflichtet zum unablässigen Streben nach Gerechtigkeit. Maßstab hierfür sind im Horizont der biblischen Reich-Gottes-Verkündigung insbesondere die Erfahrungen derer, die auf der Schattenseite der Gesellschaft stehen (vgl. Lk 4,18: »Der Geist des Herrn […] hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen«). Von daher ist die Option für die Armen prägende Perspektive christlicher Sozialethik. Sie ist darauf ausgerichtet, die Sprachfähigkeit und Mitgestaltungskompetenz der Institution Kirche und der einzelnen Gläubigen in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu fördern. Sie fragt nach Maßstäben und Strategien, um gesellschaftliche Strukturen, politische Entscheidungen und ökonomische Prozesse auf die Ermöglichung von Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsverantwortung auszurichten. Im Unterschied zur individualethischen Frage nach der Motivation und Verantwortung in persönlich zurechenbarer Praxis geht es der Sozialethik um soziale Institutionen, Strukturen und Ordnungssysteme.

Systematischer Kern christlicher Sozialethik sind die Sozialprinzipien. Ihre Basis ist das Personprinzip, das die unbedingte Würde des Menschen als Zweck an sich selbst als Leitmaßstab jeder Gesellschaftsordnung versteht und sich in individuellen Freiheitsrechten, sozialen Anspruchsrechten und politischen Mitwirkungsrechten konkretisiert. Zugleich ist der Mensch ein Sozialwesen, das auf Gemeinschaft, Kooperation und Unterstützung in Notlagen angewiesen ist (Solidarität). Dabei bedarf er jedoch des Schutzes vor kollektivistischer Vereinnahmung durch den prinzipiellen Vorrang der jeweils kleineren sozialen Einheit (Subsidiarität). Der umfassenden Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die moderne Lebens- und Wirtschaftsweise muss heute durch das Prinzip der Nachhaltigkeit gegengesteuert werden, das sich aus christlicher Perspektive als kategorischer Imperativ zeitgemäßer Schöpfungsverantwortung verstehen lässt.

Um im Streit pluraler Interessen und Überzeugungen die Zustimmungsfähigkeit und den Mehrwert christlicher Ethik gegenüber säkularen Ethikentwürfen aufzuweisen, ist der Bezug zum gelebten Glauben und dem Zeugnis der Kirche notwendig. Von daher begleitet die ethische Reflexion kirchliche Praxis und will die befreiende Kraft des christlichen Glaubens im gesellschaftlichen Dialog verdeutlichen. Dieser wird als wechselseitiger Lernprozess zwischen Kirche und Gesellschaft verstanden. Durch ihre Verbindung von Theologie, philosophischer Ethik und sozialwissenschaftlichen Methoden ist sie ein interdisziplinäres Brückenfach zwischen Kirche und Gesellschaft. Nur als solches wird sie ihrem eigenen wissenschaftlichen Anspruch gerecht und kann die Lebenswirklichkeit der Menschen heute angemessen reflektieren.

Markus Vogt

Frau (chr.)

 

(türk. Kadın)

Die Frage nach der Rolle der Frau im Christentum ist ein mit vielen Problemen behaftetes Kapitel. Dabei muss man einen Unterschied machen zwischen der prinzipiellen (theoretischen) Auffassung über das Wesen der Frau nach den Grundlagen des christlichen Glaubens einerseits und der praktischen Realität andererseits, in der Frauen in christlich geprägten Kulturen gelebt haben und leben. Nach christlicher Auffassung sind alle Menschen an Würde grundsätzlich gleich, unabhängig von Volkszugehörigkeit, sozialem Rang oder Geschlecht: »Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, da gibt es nicht Mann und Frau. Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Gal 3,28). Die von Paulus auf das Erlösungswerk Christi zurückgeführte Gleichheit von Mann und Frau wird am Beginn des Alten Testamentes im Schöpfungswerk Gottes begründet: Im ersten Schöpfungsbericht wird die Gottebenbildlichkeit des Menschen Mann und Frau in gleicher Weise und gleich ursprünglich zugesprochen (Gen 1,27). Bereits im zweiten Schöpfungsbericht kündigt sich aber eine Ambivalenz in der Wertung der Frau an, die sich durch alle biblischen Schriften zieht: Die erste Frau Eva sei aus der Rippe Adams erschaffen (Gen 2,21  25), habe Adam zum Sündenfall verleitet und sei als Strafe dafür dem Mann unterworfen worden (Gen 3,1  16; vgl. Eph 5,22  24; 1 Kor 14,34 f.; 1 Tim 2,12  14). Von Jesus ist bezeugt, dass er sich den Frauen gleich unvoreingenommen und bedingungslos zuwandte wie den Männern, was ihm auch Kritik einbrachte. Übereinstimmend wird in den Evangelien berichtet, dass Jesus als Auferstandener zuerst den Frauen erschienen ist (Mt 28,1  10; Mk 16,1  13; Lk 24,12), was als eine unerhörte Auszeichnung gegenüber den Männern zu verstehen ist, die der Auferstehungsbotschaft anfangs keinen Glauben schenken konnten. Obwohl im Alten wie auch im Neuen Testament von herausragenden Frauengestalten berichtet wird (Prophetinnen, Maria die Mutter Jesu, Missionarinnen), sind sowohl das Gottesbild wie auch die Gestalten der Bibel zweifellos überwiegend männlich geprägt (auch Jesus als die vollkommene und abschließende Selbstoffenbarung Gottes ist ein Mann). Diese Tatsache wird in der Kirchen- und Theologiegeschichte noch verstärkt, besonders im Bereich der Hierarchie der Ämter, die in der evangelischen Kirche überwiegend und in der katholischen und orthodoxen Kirche ausschließlich (und prinzipiell) mit Männern besetzt werden. Eine Gleichberechtigung der Frau findet derzeit nicht (oder nur in geringem Maß) im Raum der Kirche statt, sondern ist vielmehr ein Kennzeichen (und auch noch lange nicht ganz erreichtes Ziel) von säkularer Gesellschaft und säkularem Staat, für den allerdings der christliche Gedanke der Gleichheit aller Menschen eine wichtige Voraussetzung ist.

Martin Thurner

Friede (politisch, chr.)

 
(Barış, Politik)

Friede (politisch) ist negativ die Abwesenheit von Aggression, Unruhe oder Krieg, wofür der Staat nach christlichem Verständnis sorgen soll, aber dies positiv nur erreicht, wenn Freiheit und Gestaltungsmöglichkeiten für die Menschen im Staat gegeben sind und die innere Ruhe nicht durch Unterdrückung und Gewaltherrschaft zustande kommt. Theologisch ist Unfriede die Folge einer durch Sünde zerstörten Kommunikation in den zwischenmenschlichen Beziehungen und deshalb nur zu überwinden, wenn der Mensch sich darauf besinnt, dass das Heil allein in der Achtung vor und Liebe zu den Menschen besteht und egoistische Übervorteilung und strikte Gleichmacherei anderer zu Unfrieden und Unzufriedenheit führen.

Peter Antes

Gewalt (chr.)

 

(türk. Güç)

Von der ursprünglichen Bedeutung her bezeichnet das (deutsche) Wort Gewalt zunächst in einem neutralen Sinn ein Können oder ein Vermögen, das die Verfügung über eigene oder auch fremde Kräfte impliziert. Innerhalb dieser Grundbestimmung gibt es dann die Unterscheidung zwischen Gewalt als Befugnis zur Machtausübung (Herrschaft) und Gewalt als Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegen den Willen des davon Betroffenen (Gewalttätigkeit). Erst an diesem Punkt stellt sich die ethische Frage, unter welchen Bedingungen Gewalt legitimiert ist. Zur Gewalt im Sinne von institutionalisierter Ordnung und Leitung sozialer Gefüge hat die christliche Ethik ein überwiegend positives Verhältnis. Diese Art von Gewalt wird von Gott selbst ausgesagt (z. B. 1 Chr 29,11) und im Sinne eines Herrschaftsauftrages über die Welt auch von Gott dem Menschen in der Schöpfung übergeben (Gen 1,28). Dem Christen wird geboten, die jeweilige politische Macht als gottgegeben zu akzeptieren und sich selbst dann nicht gegen die Herrschenden aufzulehnen, wenn diese nicht christlich sind oder handeln (Mk 12,17; Röm 13,1  7). Dennoch warnt Jesus seine Anhänger ausdrücklich davor, die politische Macht zu verabsolutieren oder zu idealisieren. Die in seiner Botschaft angekündigte Herrschaft Gottes stellt er vielmehr als eine Umkehrung der aktuellen Herrschaftsverhältnisse dar, in welcher die Größten und Vornehmsten die Diener und Knechte aller sein sollen (Mk 10,42  45). Da im Ethos Jesu jegliche Macht also von der Liebe her bestimmt sein soll, lehnt er Gewalttätigkeit im Sinne von Zwang radikal ab, im Gebot der Feindesliebe (Mt 5,43  48) selbst für den Fall der Gegenwehr zur Verteidigung des eigenen Lebens (Mt 5,38  41). Jede Vergeltung für unrechtmäßig erlittene Gewalt soll nicht vom davon Betroffenen selbst vollzogen werden, sondern dem göttlichen Gericht überlassen bleiben (Röm 12,19). In der biblischen Tradition finden sich zudem anthropologisch sehr aufschlussreiche Aussagen zu den Ursachen und Gründen menschlicher Gewalttätigkeit. Diese wird auf die Hinneigung des Menschen zur Sünde zurückgeführt, hinter der die Egozentrik und die Besitzgier stehen, die den Menschen schon von Anfang an zu Gewalttaten verführen (z. B. auch zum Brudermord: Gen 4,1  16). Da die von Gott geschenkte Liebe den Menschen von der Fixierung auf sich selbst befreit, kann sie als Erlösung vom Bösen der Gewalt verstanden werden. Im Hinblick auf das gewaltfreie Liebesethos Jesu wird jede Form von zwanghafter Gewalt problematisch, auch dann, wenn diese von der legitimen politischen Gewalt zum Erhalt von Ordnung und Frieden eingesetzt wird. Wenn dies auch von christlichen Theologen (z. B. Thomas von Aquin, gest. 1274) befürwortet wird, so kann es theologisch nur im Hinblick darauf gerechtfertigt werden, dass die absolute Gewaltlosigkeit Jesu die Vorwegnahme eines (in der Gegenwart noch nicht erreichten) endzeitlichen Zustandes ist. Dabei gilt es in der Praxis, die zur Vermeidung eines größeren Übels eingesetzte Gewalt im Hinblick auf die Maximalforderung der Liebe so weit wie möglich (z. B. durch Verzicht auf Folter) zu humanisieren.

Martin Thurner

Gewissen (chr.)

 

a) Gewissen (türk. Vicdan)

Das Gewissen ist jene Instanz im Menschen, die ihn zu der Unterscheidung zwischen Gut und Böse befähigt und ihm befiehlt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Es ist jene innere Stimme, die ihm sagt: Tu dies, meide jenes! In dieser spezifisch moralischen Sinngebung taucht der Gewissensbegriff erstmals im 1. Jahrhundert vor Christus in der Epoche der jüngeren Stoa auf. In der klassischen griechischen Antike ist der Begriff noch ebenso wenig anzutreffen wie im hebräischen Sprachraum der Bibel. Das Alte Testament kennt zwar das Phänomen des Gewissens. Es verwendet hierfür jedoch den Begriff des Herzens (Ps 16,7; Jer 31,33). Zu einer zentralen theologisch-ethischen Kategorie wird das Gewissen erst in der Begegnung mit dem Christentum. Wegbereiter war hier der Apostel Paulus. Für Paulus ist das Gewissen zunächst ein neutrales Tribunal im Menschen, das die Übereinstimmung des Handelns mit den von der Vernunft erkannten und den Menschen ins Herz geschriebenen Forderungen des sittlichen Gesetzes überwacht. Diese die Wahrhaftigkeit des Tuns beglaubigende Instanz ist von der sittlichen Vernunft ebenso unterschieden wie von der Glaubenserkenntnis. Sie kann sowohl anklagen als auch freisprechen (Röm 2,14 f.). In theologischer Hinsicht erscheint für Paulus das Gewissen zugleich als der Stellvertreter Gottes vor dem Menschen, der ihm jene letzte Identität zuspricht, die er aus sich selbst nicht gewinnen kann (1 Kor 4,4). In diesem Sinne bezeichnet Augustinus (354  430) einige Jahrhunderte später das Gewissen auch als die Stimme Gottes im Menschen, als den Ort, an dem sich der Einzelne hinsichtlich seines Handelns in die unmittelbare Verantwortung vor Gott gerufen sieht. Aus dieser Eigenart des Gewissensspruches als Ruf in die Heilsentscheidung folgt unmittelbar die Würde des Gewissens und das Recht auf Gewissensfreiheit. Niemand darf einen Menschen dazu nötigen, gegen sein Gewissen zu handeln. Wer das tut, macht Gott seinen absoluten Anspruch auf den Menschen streitig. Allerdings setzt die subjektive Gewissensbindung eine objektive Gewissensbildung voraus. Denn in der Bedeutung, die das Gewissen bestimmten Handlungen zuweist, kann es durchaus irren. Daher gilt: Nur wer sich ständig um eine sachgemäße Ausrichtung seines Gewissens bemüht und sorgfältig nach dem Wahren und Guten sucht, kann Anspruch darauf erheben, in seinem Gewissensspruch geachtet zu werden, selbst dann, wenn er sich objektiv gesehen im Irrtum befindet.

Hans-Günter Gruber

b) Gewissensentscheidung (türk. Vicdan Kararı)

Gewissensentscheidung ist notwendig, wenn Menschen in konkreten Situationen wissen müssen, ob sie das, was von ihnen gefordert wird oder sie gerne möchten, tun dürfen oder nicht. Dies kann im beruflichen Leben ebenso auftreten wie im privaten Bereich. So etwa kann es bei Forschenden in der Rüstungsindustrie oder der Genforschung Situationen geben, wo sie sich fragen, ob sie hier weiterforschen dürfen oder aus Gewissensgründen die Arbeit verweigern müssen. Im privaten Bereich ist eine solche Situation durch die Frage nach der Zulässigkeit von empfängnisverhütenden Mitteln, der sog. Pille, gegeben gewesen. Jeder muss dann für sich entscheiden oder man wendet sich an eine kirchliche Instanz und bittet um Auskunft. In beiden Fällen ist klar, dass die Bibel keine direkte Antwort darauf bereithält. Wer immer antwortet, muss folglich allgemeine Prinzipien der christlichen Lehre und Überlegungen zum konkreten Fall so miteinander kombinieren, dass eine konkrete Antwort möglich ist. Dass andere in einem solchen Falle vielleicht anders entscheiden würden, kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Ebenso muss jeder die Übernahme einer Fremdentscheidung (z. B. des kirchlichen Lehramtes) für sich vor dem eigenen Gewissen verantworten und kann sich nicht einfach durch Verweis auf die entsprechende Instanz der Verantwortung völlig entziehen. All dies zeigt, dass bei jeder konkreten Entscheidung ein gewisser Entscheidungsspielraum bleibt und keine absolute Gewissheit für die Richtigkeit der jeweiligen Entscheidung besteht. Wie immer die Entscheidung auch ausfällt, sie ist die Folge von rationalen und zum Teil auch emotionalen Wahlentscheidungen im Zusammenhang mit allgemeinen Handlungsprinzipien, die es für den Anwendungsfall zu präzisieren gilt. Hier ist also ein Gutteil eigener Urteilsfindung notwendig, um den keine religiöse Tradition herumkommt, sei es auf dem Weg durch die Instanz oder aufgrund des eigenen Gewissens.

Peter Antes